Neues von untenrum – Teil 2 (9:30)

Im ersten Teil von Neues von untenrum habe ich erzählt, dass ich zwei Jahre nach meiner Krebserfahrung erneut operiert werden sollte. Bei einem ersten Termin in Rostock, der eigentlich nur der Kontrolle dienen sollte, war die OP beschlossen worden. Beim zweiten Besuch ein paar Tage später hatte ich erst das Narkosegespräch absolviert und sollte einen Tag später operiert werden. Bis zur Ankunft im Krankenhaus am OP-Tag war noch alles ok. Doch dann begann das lange Warten…

Die Anmeldung in der Patientenaufnahme in der Abteilung für innere Medizin verlief reibungslos und dauerte kaum länger als ein Boxenstopp bei der Formel 1 (Gehen Sie ruhig schon mal hoch, ich ticker den Rest hier eben schnell selbst ein.).

Nach meiner Ankunft in der Tagesklinik wurde mir jedoch eröffnet, dass sich an dem Plan von gestern etwas geändert hatte. Der für mich vorgesehene Anästhesist sei in einen anderen OP abgezogen worden und nun müsste ich irgendwie dazwischengeschoben werden. Ein bis zwei Stunden könne das noch dauern. Na wunderbar. Ob ich vielleicht solange draußen im Park oder im Café warten und für den Fall der Fälle meine Handynummer dalassen wolle. Aber essen dürfte ich natürlich nichts und wenn ich angerufen werden würde, müsste ich natürlich innerhalb von zwei Minuten wieder da sein und mich dann schnell für die OP umziehen.

Meine Frau und ich machten es uns auf der Sitzbank vor der Eingangstür der Tagesklinik bequem. Auf frische Luft hatte ich keine Lust, zumal diese um diese Uhrzeit auch noch ziemlich frisch war. In einem Café zu sitzen, ohne etwas essen zu dürfen, schien mir ebenfalls sinnlos. Und auch die Hektik, sollte ich dann irgendwann angerufen werden, wollte ich mir ersparen und lieber in der Nähe meiner Sachen bleiben.

Die Bank war nicht gerade die bequemste und auch das Unterhaltungsprogramm auf dem kargen Krankenhausflur hielt sich in Grenzen. Ab und zu kamen eine Schwester oder ein Arzt vorbei und grüßten knapp, dann schepperte das Reinigungspersonal mit einem klapprigen Wagen durch den Gang. Jedes Mal, wenn sich die Tür zur Tagesklinik öffnete, hob ich erwartungsvoll den Kopf, doch für mich war stundenlang nichts dabei. Neue Patienten kamen und wurden kurz darauf in Bett und OP-Hemd wieder herausgeschoben. Deren Termine schienen alle eingehalten werden zu können. Ich ging mehrere Male zur Toilette, allerdings mehr aus Langeweile, denn wer nichts trinken darf, muss schließlich auch nicht austreten. Irgendwann blickte ich gar nicht mehr auf, wenn sich die Tür öffnete. Ich verharrte mit auf dem Arm aufgestützten Kopf auf der Bank und packte gedanklich wieder meine Sachen. So verstrich Stunde um Stunde.

Irgendwann riss mich dann die Schwester mit den Worten So, Herr Kübler bitte!“ aus den Gedanken. Sollte es jetzt wirklich soweit sein? Nach fast vier Stunden Wartezeit? Vorsichtig optimistisch erhob ich mich von der Bank. Die Schwester schien es ernst zu meinen, denn ich sollte mich sofort von meiner Frau verabschieden und mich umziehen. Kaum hatte ich Jeans und T-Shirt gegen Krankenhaushemd und Thrombosestrümpfe getauscht, ging es auch schon los. Der Chirurg hatte es offenbar so eilig, dass ich noch nicht einmal die angekündigte Beruhigungstablette bekam. Sie hätte wahrscheinlich nicht mehr rechtzeitig gewirkt. Benötigt hätte ich sie sowieso nicht, denn ich war vor dieser OP seltsam entspannt und genoss es fast, die letzten Minuten vor dem Eingriff bewusst mitzuerleben.

Zwei Schwestern schoben mich in meinem Bett in Richtung Operationssaal. Ich winkte noch einmal meiner Frau. Vor dem Raum verabschiedeten sich dann die Schwestern mit den Worten schlafen Sie gut. Und das tat ich dann auch.

Nur eine Stunde später wurde ich wieder wach. Nach zwei weiteren Stunden unter der Obhut der Schwester im Aufwachraum wurde ich zurück in die Tagesklinik gebracht. Werte und Blutdruck waren gut, Schmerzen hatte ich keine, alles bestens verlaufen.

Jetzt durfte ich endlich essen und trinken! Der Krankenhauskaffee und das belegte Brötchen, das mir meine Frau in meiner Abwesenheit beim Bäcker besorgt hatte, schmeckten himmlisch. Mein Kreislauf, der eigentlich nie in Gefahr gewesen war, festigte sich und nach erneuten zwei Stunden und einer abschließenden Pipiprobe durfte ich die Uniklinik wieder verlassen. Um acht Uhr war ich der erste Patient des Tages gewesen, um 17 Uhr war ich der letzte Patient, der wieder ging. Die Heimreise verlief ohne Komplikationen und auf dem heimischen Sofa ging dieser Tag schließlich zu Ende.

Das Warten begann. Zum einen das Warten auf Heilung, zum anderen das Warten auf den Befund und die Diagnose. Das Ergebnis der OP wollte der Chefarzt unbedingt wieder persönlich in Rostock besprechen (Am Telefon besprechen wir keine Befunde), sodass mir ein Termin in zehn Tagen mit nach Hause gegeben worden war. Mit dem Geschnibbel war es nämlich nicht getan. Die gewonnenen Proben sollten untersucht werden, damit eine Rückkehr des Krebses ausgeschlossen werden konnte. Ich hatte da eigentlich keine Bedenken. Die operierten Stellen sahen anders aus, als der Krebs, der sich dort zwei Jahre zuvor breit gemacht hatte. Der Chefarzt hatte außerdem gesagt, dass er nicht mit etwas Schlimmem rechnet. Doch wenn er darauf bestand, Proben zu nehmen und sie untersuchen zu lassen, machte man sich dann doch ein paar Gedanken.

Glücklicherweise hatte ich während der Heilungsphase außer vage skeptischer Semi-Besorgnis keinen weiteren Stress, denn mein niedergelassener Urologe zu Hause schrieb mich gleich für zwei Wochen krank. Diese Zeit umfasste auch den Besprechungstermin in Rostock, sodass ich mich voll und ganz aufs Gesunden konzentrieren konnte.

Die Heilung verlief besser, als ich gedacht hatte. Schmerzen hatte ich weiterhin kaum und nach nur einer Woche sah das Areal rund um die Wunden schon fast wieder rosig aus. Nur nachts hatte ich Probleme. Während ich schlief, schien mein Geschlechtsorgan offenbar sein eigenes Ding zu machen und vergas dabei anscheinend, dass es gerade operiert worden war und sich die Fäden noch lange nicht aufgelöst hatten. So musste ich teilweise dreimal pro Nacht aufstehen – nachdem „er“ bereits aufgestanden war… Seine optimistische Aktivität war dann nur mit einem Gang zur Toilette wieder in den Griff zu kriegen. Der Vorgang des Wasserlassens schien ihn zu beruhigen. Anschließend war alles wieder gut und ich konnte ein bisschen weiterschlafen.

Eineinhalb Wochen nach der OP machte ich mich dann wieder auf nach Rostock, um das Ergebnis zu besprechen. Wieder drei Stunden im Auto, wieder eine Nacht im Hotel, wieder Abendessen in der schönen Innenstadt von Rostock. Diesmal alles allein. Einen Beistand brauchte ich diesmal nicht.

Ok, aus den drei Stunden Autofahrt wurden fast vier, weil ich vor meiner Abfahrt vergessen hatte, nochmal in der Uniklinik anzurufen, um mir den Eingang des Befundes und damit auch den Besprechungstermin bestätigen zu lassen. Drei Autobahnraststätten benötigte ich, um die nötige Information zu erhalten. Die gesamte Fahrt über hatte ich keinen Empfang auf dem Handy. Wie ich erst am nächsten Tag erfahren sollte, lag das an einer bundesweiten Störung des Netzes. Ich rechnete schon damit, mir ein neues Handy kaufen zu müssen. Erst am dritten Rastplatz, dem in Hamburg Stillhorn, fand ich eine Gelegenheit zum Telefonieren: eine gute alte Telefonzelle. So etwas hatte ich seit bestimmt zehn Jahren nicht mehr benutzt. Konnte ich das noch? Reichten meine 1,20 Euro Kleingeld für ein Gespräch mit Rostock? Mehr hatte ich an Münzen nämlich nicht dabei. Es klappte. Während die Dame am anderen Ende der Leitung die Daten im System der urologischen Ambulanz prüfte, beobachtete ich die Guthabenanzeige auf dem Telefonapparat. Nachdem 60 Cent verbraucht waren, hatte ich die Bestätigung, dass mein Termin am nächsten Tag stattfinden sollte. Perfekt! Ich legte auf, klaubte die restlichen 60 Cent aus dem Münzauswurfschacht zusammen und setzte meinen Weg nach Rostock fort.

Nachdem ich im Hotel am Rande der Rostocker Altstadt eingecheckt hatte, ging ich Pizza essen und kaufte mir ein neues Paar Schuhe. Was halt so passiert, wenn man sich langweilt.

Der nächste Tag begann recht früh, denn der Besprechungstermin sollte bereits um 8.30 Uhr stattfinden. Pünktlich meldete ich mich in der Uniklinik an der Rezeption und suchte mir danach einen Platz im Wartezimmer. Ich hatte gerade erkannt, dass der Lesestoff im Wartebereich ausschließlich aus Krebs-Publikationen bestand und dementsprechend beschlossen, mich mit meinem Smartphone zu beschäftigen, da wurde ich auch schon aufgerufen. So kurz hatte ich hier noch nie warten müssen.

Ich folgte der Schwester ins Sprechzimmer, schüttelte dem Chefarzt zur Begrüßung die Hand und nahm ihm gegenüber am Schreibtisch Platz. Ohne Umschweife kam er zur Sache.

Wir haben keine neuen Tumore gefunden, sagte er.

Erleichterung machte sich breit.

Das ist ja toll!, sagte ich.

Kein neuer Krebs. Und auch sonst nichts Bedrohliches, wie es aussah, denn außer einem Rezept für eine Salbe bekam ich nichts weiter mit. Die verdächtigen Stellen, von denen die Proben genommen worden waren, seien nur ungefährliche Verkrustungen gewesen. Und es sei nicht nötig, jedes Mal neue Proben zu nehmen, wenn ähnliche Irritationen wieder auftreten sollten.

Nach nur fünf Minuten war das Gespräch wieder vorbei. Erleichtert verließ ich die Klinik und rief meine Frau an. Mein Handy funktionierte wieder und so konnte ich die guten Nachrichten gleich weitergeben.

Zur Belohnung machte ich einen kleinen Abstecher ans Meer. Es war erst neun Uhr vormittags und der Blick zum Himmel ließ einen traumhaft sonnigen Frühlingstag erahnen. Bis zum Strand in Warnemünde sind es von der Uniklinik nur zwölf Kilometer. Kann man sich mal geben. Und so spazierte ich wenige Minuten später an der Ostsee entlang, genoss das perfekte Wetter und die Seeluft und teilte mir mein zweites Frühstück am markanten Leuchtturm mit einer Horde hungriger Spatzen. Die Heimreise führte mich ohne Staus über die ebenfalls sonnige Autobahn zurück nach Hause.

Die verschriebene Salbe entpuppte sich als Antiseptikum mit der Farbe von Barbecue-Sauce. Ein paar Tage sah es so aus, als würde ich ein mariniertes Berner Würstchen mit mir herumtragen (Ich war der einzige, der es zu sehen bekam, keine Panik).

Mittlerweile ist alles wieder gut. Es hat mich zwar insgesamt fast 1800 Kilometer Autofahrt und drei Nächte in verschiedenen Hotels gekostet, aber eine bessere Diagnose hätte ich mir nicht wünschen können. Und ein menschenleerer Strand am frühen Morgen ist einfach nur traumhaft.

 

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