Ausmisten

Man sollte öfter mal ausmisten. Keller, Garage, Schreibtischschubladen. Gerne auch mal den Kopf. Ausmisten macht frei, befreit von Ballast und schafft Raum für Neues. Leichtes Gepäck und so. Ich selbst miste beispielsweise immer mal wieder den Arzneischrank aus und werfe abgelaufene Medikamente in den Müll. Beim letzten Mal vor wenigen Tagen ist mir aufgefallen, dass ich noch ganz schön viele Altlasten aus meiner Krebsbehandlungszeit aufgehoben habe, darunter Salben, Pflaster und Pflegemittel. Warum eigentlich? Nostalgie? Oder dachte ich, ich könnte das Zeug irgendwann mal wieder gebrauchen? Wohl kaum, denn das meiste davon hat sein Haltbarkeitsdatum mittlerweile überschritten. Fünf Jahre nach dem Krebs kann ich den ganzen Kram doch langsam mal loswerden oder?

Salben und Antiseptikum nach der Krebsoperation

Salben und vergleichbare Mittel haben mich während meiner Krebserfahrung mit am längsten begleitet. Bevor damals überhaupt klar war, dass es Krebs war, hatte ich mir bereits tubenweise Salbe gegen die entzündete Eichel auf eben diese geschmiert. Nach der lebensrettenden ersten Krebsoperation musste ich die neue Eichel dann täglich selbst pflegen und reinigen. Dies geschah mit einem Antiseptikum, das ich aufsprühen und dann abtupfen musste. Bis jetzt hatte ich immer noch die riesige Vorratsflasche davon im Schrank, die mir vor mehr als fünf Jahren im Krankenhaus mitgegeben worden war.

Beim ersten Termin bei meinem Urologen in Hamburg, den ich damals noch hatte, war mir außerdem eine weitere Salbe zur Wundbehandlung verschrieben worden. Vor kurzem fiel sie mir wieder in die Hände und ich wusste erst gar nichts damit anzufangen. Als es mir schließlich wieder einfiel, kam ich zu dem Schluss, dass dies ein guter Anlass zum Ausmisten ist.

Pflaster, Wundauflagen und Verbände

Ja, auch Pflaster und sterile Wundauflagen können ablaufen. Das weiß jeder, der alle paar Jahre seinen noch originalverpackten Verbandskasten im Auto gegen einen neuen austauschen muss, weil der TÜV gemeckert hat. Nach meiner ersten Krebsoperation hatte ich mich mit einem umfangreichen Arsenal aus verschiedenen Wundauflagen, Kompressen in mehreren Größen, Pflastern, Verbänden und Klebestreifen eingedeckt. Vor allem die Stelle am linken Oberschenkel, an der die Haut für die Rekonstruktion der Eichel entnommen worden war, bedurfte umfangreicher Pflege. Direkt nach der OP waren lediglich Verbandswechsel angesagt. Den Verband dürfte ich anschließend durch große Pflaster und später durch Kompressen, die ich mit Klebestreifen befestigte, ersetzen. Außerdem behandelte ich die Wunde mit Wundsalbe, später mit Vaseline.

Bis jetzt hatte ich immer noch den Rest des 100er-Packs Mullkompressen in der Schublade, dazu weitere Kompressen aus dem Drogeriemarkt sowie spezielle Pflaster mit einem Silberfließ. Außerdem stieß ich auf ein riesiges, gepolstertes Klebepad, das eigentlich für Verletzungen an der Ferse vorgesehen war. Ich erinnere mich, wie mir das medizinische Personal alles mögliche in die Hand gegeben hatte und ich sollte ausprobieren, was für mich am besten passte. Mein damaliger Hausarzt gab mir beispielsweise eine angefangene Packung eines Schlauchverbands mit, den ich über die Wunde am Oberschenkel stülpen konnte. Er war sichtlich erfreut, dass dieses Ding, das offenbar schon eine ganze Zeit in seinem Schrank in der Praxis verbracht hatte, endlich eine Bestimmung gefunden hatte. Dieser Schlauchverband war großartig, deswegen brauchte ich ihn restlos auf. Die Pflaster waren abgelaufen, also weg damit.

Inkontinenzeinlagen nach Krebsbehandlungen

Probleme beim Wasserlassen hatte ich nach all den Operationen nie. Sobald ich den Blasenkatheter los war, lief auch auf der Toilette wieder alles normal. Rückstände von Wundflüssigkeiten begleiteten mich dagegen noch eine ganze Weile. Außerdem erforderte die Pflege der Eichel mit Antiseptikum eine gewisse Hygiene. Sowohl nach der ersten Operation 2016 als auch nach der dritten Operation 2018 griff ich deswegen auf Inkontinenzeinlagen für die Unterhose zurück. Diese platzierte ich vorne im Schritt und hielt sowohl Schmutz und Bakterien vom operierten Penis als auch Blut und Wundrückstände von der Unterwäsche fern. Außerdem gab die Einlage dem empfindlichen Geschlechtsteil einen gewissen Halt, der es bei Bewegungen gut an Ort und Stelle hielt. Eine Packung mit einer letzten Inkontinenzeinlage habe ich noch. Sie sieht ein bisschen so aus wie eine FFP2-Maske. Sollte ich sie aus nostalgischen Gründen behalten? Ich glaube nicht.

Thrombosestrümpfe machen Fußbad nötig

Nach meiner zweiten Operation, bei der mir die Lymphknoten in der Leiste entfernt wurden, musste ich für gut sechs Monate spezielle Thrombosestrümpfe tragen. Diese waren nötig, um ein Anschwellen der Beine zu verhindern, das durch den schweren Eingriff in das Lymphsystem verursacht wurde. Die Lymphflüssigkeit floss nicht mehr so gut ab, wie vorher, folgte meistens der Schwerkraft, vor allem bei langem Sitzen, und sammelte sich deswegen in den Füßen und an den Fußgelenken. Lymphödeme entstanden.

Die Kompressionsstrümpfe musste ich jeden Tag von morgens bis abends tragen. Nachts im Bett durfte ich sie ablegen, doch der erste Griff nach dem Aufwachen ging immer sofort Richtung Strümpfe. Ich hatte zwar zwei Paar Strümpfe zum wechseln und natürlich wusch ich sie regelmäßig, doch die tägliche Beanspruchung hinterließ irgendwann ihre Spuren. Dazu kam, dass das Material alles andere als atmungsaktiv war. Kurz: Meine Füße rochen oft nicht gut. Aus diesem Grund besorgte ich mir eine kleine Wanne und eine Flasche mit Fußbad, saß dann ab und zu auf dem Sofa vor dem Fernseher und gönnte meinen Füßen eine Geruchsbehandlung.

Die Wanne haben wir dann später als Wäschekorb benutzt. Das angebrochene Fläschchen mit Fußbad hat die vergangenen Jahre in der Schublade verbracht. Es riecht immer noch gut, vielleicht habe ich es deswegen aufgeboben. Doch es ist abgelaufen und in absehbarer Zeit habe ich dafür keine Verwendung mehr.

Fünf Jahre nach dem Krebs habe ich mich von einem ganzen Haufen Altlasten aus dieser Zeit getrennt. Ich fand es wichtig, diese Dinge und die damit verbundenen Erlebnisse noch einmal zu rekapitulieren. Doch jetzt geht der Mülleimer auf und ich schütte alles hinein. Ein gutes Gefühl.

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