Der beste Job, den ich je hatte

Eines meiner ganz persönlichen Highlights des Jahres 2021 war meine Elternzeit. Ganze fünf Monate hatte ich mir gegönnt, um ganz viel Zeit mit meiner kleinen Tochter zu verbringen. Mehr oder weniger früh aufstehen, wickeln, anziehen, Frühstück, Mittagessen, Spazieren gehen, Einkaufen, spielen – ein komplett neuer Tagesablauf. Es war eine sehr intensive Zeit und eine wunderschöne Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Das Ende meiner Elternzeit im Spätsommer 2021 markierte gleichzeitig den nächsten Schritt im Leben unseres Nachwuchses: Der Start der Krippenzeit. Und auch diese Zeit ist eine ganz besondere Erfahrung – mit Herausforderungen, die ich so nicht erwartet hatte.

Wer denkt, dass man sein Kind einfach nur morgens in die Krippe bringt und nachmittags wieder abholt, der irrt gewaltig! Nicht nur Corona, sondern auch ganz viele andere Krankheiten, sowohl bei den Kindern, als auch beim Personal, machen dem auf Kontinuität ausgerichteten Betreuungsplan einen dicken Strich durch die Rechnung. In der WhatsApp-Gruppe der Krippeneltern laufen immer wieder die Drähte heiß. Wenn erst morgens um sieben Uhr die Schließung der Krippe für den bereits begonnenen Tag verkündet wird, ist die Stimmung bei den berufstätigen Elternpaaren dementsprechend aufgeladen. Wütende Emojis machen die Runde und das Beschwerdeformular im PDF-Format wird geteilt.

Aber auch daran gewöhnt man sich. Unsichere Betreuungszeiten in der Krippe lassen sich bei pandemiebedingtem Homeoffice ganz gut bewältigen.

Der Vorteil am Homeoffice ist, zumindest bei mir, dass ich mir meine Zeit relativ frei einteilen kann. So kommt es, dass ich meine Mittagspause regelmäßig mit etwas nützlichem verbinde, beispielsweise Einkaufen oder Spazierengehen. Auch Sport habe ich schon gemacht. Und wenn ich meine Pause etwas nach hinten verlagere, passt sie zeitlich perfekt, um meine Tochter aus der Krippe abzuholen.

Eines schönen Tages machte ich mich am frühen Nachmittag auf den Weg in die Krippe. Das Wetter war ok, sodass ich wie geplant zu Fuß aufbrechen konnte, den leeren Kinderwagen vor mich her schiebend. Ich ahnte ja nicht, welches Aufsehen ich damit erregen würde.

Zugegeben: Einen leeren Kinderwagen zu schieben, fühlte sich komisch an. Irgendwie unvollständig und nicht richtig. Ich legte automatisch einen Schritt zu, um diese Situation so schnell wie möglich hinter mich zu bringen.

Unterwegs kamen mir immer wieder andere Fußgänger entgegen. Manche setzten bereits von weitem ein Lächeln auf, das mir als Vater mit Kinderwagen in den vergangenen Monaten schon oft entgegengestrahlt worden war. Einige Passanten konnten sich nicht beherrschen und mussten einen Blick in den Kinderwagen werfen. Das Lächeln wich dann einem irritierten Blick, nachdem dort nicht ein süßes Kind, sondern nur ein leerer Platz zu erblicken war. Aber niemand sagte etwas. Bis ich doch tatsächlich dieser einen Frau begegnete, die sich nicht zurückhalten konnte.

Ich war fast an meinem Ziel angekommen. Ich hatte die große Ampelkreuzung überquert und musste nur noch ein paar hundert Meter laufen, bis ich die Krippe erreichen würde. Auf dem Fußweg kam mir eine ältere Dame entgegen. Als wir aneinander vorbeigingen, blickte sie in den leeren Kinderwagen und sagte: „Na, Kind verloren?“

Ich erschauderte. Irgendetwas löste dieser Satz in mir aus. Ich zwang mich zu einem gequälten Lächeln und murmelte so etwas wie „…hole ich gerade ab…“ als Antwort. Dann bog die Dame in die Seitenstraße ab.

Die Begegnung hinterließ bei mir ein unangenehmes Gefühl. Ich ärgerte mich über die Bemerkung. Sie war bestimmt nicht böse gemeint. Unter anderen Umständen hätten andere Väter bestimmt herzlich gelacht. Bei mir fing dagegen das Gedankenkarussell an, sich zu drehen.

„Kind verloren“ kann schließlich auch etwas anderes bedeuten, als dass das Kind kurz aus dem Kinderwagen purzelt. Bei „Kind verloren“ muss ich an Fehlgeburten oder schlimme Unfälle denken. Nach meiner Krebserkrankung stand ich vor einer ziemlich unsicheren Familienplanung und lange Zeit war nicht klar, ob das mit dem Kinderwunsch überhaupt klappen würde. Dumme Sprüche waren dabei nicht angebracht.

Die Dame hatte sicherlich nicht die Absicht, gemein zu sein und ich bin ihr auch nicht mehr böse. In meinem Leben nach dem Krebs werde ich immer wieder mit vermeintlich harmlosen Situationen konfrontiert, die mich erschüttern. Mein innerer Frieden hängt immer noch am seidenen Faden. Wahrscheinlich werde ich lernen müssen, damit umzugehen. Ich wünsche mir manchmal dennoch etwas mehr Feingefühl, Zurückhaltung und Empathie von meinen Mitmenschen.

Leicht verärgert legte ich die letzten Meter bis zur Krippe zurück. An der Eingangstür schloss ich mein freudestrahlendes Töchterchen in die Arme. Kurze Zeit später saßen wir vor dem Supermarkt in der Sonne und aßen Banane. Die Verärgerung war verflogen. Die Kleine ist eine tolle Therapeutin.

Das mit dem Nachwuchs hat bei mir glücklicherweise geklappt. Trotz Krebs. Und so schiebe ich weiterhin den Kinderwagen durch die Gegend, mal leer, mal besetzt, schneide Mandarinen in kleine Stücke, räume die Bauklötze in die Kiste, bringe die vollen Windeln in den Müll und genieße es, Vater zu sein. Meistens bin ich dabei sehr zufrieden. Und manchmal sogar glücklich.

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