Fünf Jahre krebsfrei

Heute auf den Tag genau bin ich seit fünf Jahren krebsfrei! Yeeeaaahh! (Jubel ist hier angebracht, denke ich.) Am 1. Oktober 2016 endete meine Krebsbehandlung und ich durfte das Krankenhaus wieder verlassen. Seitdem ist der Krebs nicht wiedergekommen. Trotzdem ist in den vergangenen fünf Jahren unglaublich viel passiert – Nachsorge, dritte Operation, Aufklärungsarbeit, Halbmarathon, Vatersein. Zeit für einen Rückblick.

Krebsfrei aufs Oktoberfest

Mein erstes Krebsfrei-Jubiläum am 1. Oktober 2017 habe ich auf dem Oktoberfest in München verbracht. Mit meiner Frau, meinem Bruder und seiner Familie schlenderte ich nachmittags über die Theresienwiese. Wir aßen Ochsenfetzensemmel und tranken Bier aus einem klassischen Steinkrug auf der „Oide Wies’n“, der Retroabteilung des Oktoberfestes. Mit meiner Schwägerin fuhr ich „Wilde Maus“, mit meinem kleinen Neffen auf dem Arm aß ich Schokoprinten. Es war ein schönes Wochenende in München. Nicht ganz so ausschweifend wie meine ersten Oktoberfesterfahrungen in den Jahren davor, aber dennoch schön. Die Gedanken kreisten mal nicht ständig um meine Krebserfahrung. Ich genoss den Urlaub, das Fest, das Wetter, die Familie. So wie früher. Zwischendurch wurde mir immer wieder bewusst, wie lange ich solche Momente in den vergangenen Monaten seit der Krebsdiagnose nicht mehr hatte.

Kurz darauf schrieb ich in einem Blogbeitrag:

„Das erste Jahr nach dem Krebs ist vielleicht das schlimmste. Und deswegen auch das wichtigste.“

Am längsten bleibt der Krebs im Kopf – Teil 2, 5. November 2017

Hindernislauf und Hawaii

Stefan Kübler am Strand von Maui mit Palmen im Hintergrund.
Krebsfrei nach Hawaii 2018

Nach zwei Jahren krebsfrei 2018 war ich ebenfalls schwer beschäftigt. Einen Tag vor dem Jubiläum trat ich bei der Urban Challenge an, einem Hindernislauf, bei dem ich vier Kilometer laufen und zwischendurch über Autoreifen klettern, eine Skateboardrampe überwinden und Sandsäcke schleppen musste. Außerdem befanden sich meine Frau und ich mitten in den Urlaubsvorbereitungen. Drei Tage nach dem Jubiläum brachen wir zu einem USA-Urlaub auf, bei dem wir Denver, Maui und Honolulu besuchten. Meine zweijährige Krebsfreiheit registrierte ich durchaus, doch die Euphorie war längst nicht so hoch wie ein Jahr zuvor. Ich war zwar im Frühjahr 2018 ein drittes Mal operiert worden, doch ein neuer Ausbruch meiner Krebserkrankung war dabei nicht festgestellt worden. Ich freute mich, schon zwei Jahre Nachsorge geschafft zu haben, blieb aber weiterhin fokussiert und genoss jede erfreuliche Abwechslung, wie eben den Hawaii-Urlaub.

In meinem Jahresrückblick 2018 schrieb ich dazu:

„Irgendwie ist vom Krebs immer noch was da. Gefühlsmäßig zumindest, denn zu sehen ist mittlerweile kaum noch etwas. (…) Auch wenn jetzt ein Stück Haut fehlt, ist es von vergleichbaren handelsüblichen Geschlechtsorganen kaum zu unterscheiden. Man müsste schon ganz nah ran gehen, aber wer macht denn sowas?“

Das zweite Jahr nach dem Krebs, 30. Dezember 2018

Halbmarathon

Die Jahre drei und vier meiner Krebsfreiheit habe ich nicht explizit hervorgehoben. Das Datum war weiterhin wichtig. Je mehr Zeit verging, desto stolzer war ich über das Erreichte. Doch es gab nicht wirklich neues zu berichten, was sich auf den Verlauf meiner Krebserkrankung bezog. Ich war weiterhin krebsfrei, nahm gewissenhaft jeden Nachsorgetermin wahr und machte Sport. Neue Operationen oder andere Behandlungen waren nicht dazu gekommen. Kurz nach meinem dritten Krebsfrei-Jubiläum 2019 lief ich meinen ersten Halbmarathon. Seitdem sind weitere dazugekommen.

Und anscheinend habe ich 2019 wieder einen Jahresrückblick geschrieben. Darin hieß es:

„Mit der Zeit freue ich mich mehr über die Dinge, die mir geblieben und dazugekommen sind, als dass ich traurig bin, über das, was ich verloren habe.“

Festival with myself, 14. Dezember 2019

Krebsaufklärung und Vatersein

Stefan Kübler bei der Yescon 2020 in Berlin auf dem Roten Teppich vor der Medienwand.
Kurz vorm Auftritt bei der Yes!Con 2020 in Berlin (Foto: Peter Müller)

Kurz vor dem vierten Jubiläum 2020 war ich als Speaker zu Gast auf der Yes!Con, der ersten Krebs-Convention in Berlin. Das markierte einen weiteren Aspekt meiner Krebserfahrung: die öffentliche Aufmerksamkeit. Durch meinen Blog wurden immer mehr Menschen auf meine Geschichte aufmerksam. WDR, ZDF und Onlinemagazine berichteten über meinen Peniskrebs. Aktuell bin ich an einer Wanderausstellung des Deutschen Krebsforschungszentrums zum Thema HPV beteiligt. Ich freue mich über diese Projekte und diese Art der Berichterstattung, die mich zu einem Teil der Krebsaufklärung in Deutschland macht. So habe ich das Gefühl, mit meinen schlimmen Erfahrungen etwas Gutes bewirken zu können.

Etwas richtig Gutes, vielleicht sogar das Beste überhaupt, ist 2020 auch passiert: Die Geburt unserer Tochter. Trotz Peniskrebs und großer Sorge um die eigene Familienplanung bin ich tatsächlich Vater geworden. Manchmal kann ich es immer noch nicht recht glauben.

Einen Jahresrückblick gab es 2020 nicht, doch als Zitat steht vielleicht das hier für meine Aufklärungsarbeit:

„Ich muss zur Nachsorge, weil ich nicht eindringlich genug bei der Vorsorge war. Geht ihr doch bitte alle regelmäßig zur Vorsorge, damit ihr nicht irgendwann zur Nachsorge müsst.“

Finger im Po, Tschuldigung!, 15. November 2020

Krebsfrei – Ich sage es laut

Und heute sind tatsächlich fünf Jahre vergangen. Seit fünf Jahren bin ich nun krebsfrei. Endlich traue ich mich zu sagen, dass ich krebsfrei bin. Say it out loud: Cancer is out! (frei nach James Brown).

Ich würde mich nicht als abergläubisch bezeichnen, aber ich hatte immer die Befürchtung, dass, wenn ich mich zu früh offiziell als krebsfrei bezeichne, vielleicht schon nach zwei oder drei Jahren, es dann nicht lange dauern würde, bis ich die nächste schlechte Nachricht zu verkraften hätte. Und dann wäre alles wieder von vorne losgegangen. Zu oft hatte ich mich in den vergangenen Jahren sicher gefühlt, was beispielsweise meine Gefühlslage anging. Und gerade, wenn ich dachte, dass es mir wieder richtig gut ging, kam ein herber Rückschlag. Fiese Erkältung, Sportverletzung, Jobverlust, durchkreuzte Pläne, Demütigungen. Mit dem Krebs an sich hatte das primär meist nichts zu tun, doch hat die Erfahrung mit dieser Krankheit meine Sichtweise auf bestimmte Dinge des Lebens ganz erheblich verändert. Schmerz und Stress nehme ich seitdem viel deutlicher wahr. Entscheidungen treffe ich mehr aus dem Bauch heraus, nachdem ich mich ausführlich mit mir selbst beraten habe, was ich wirklich will. Das eigene Wohlbefinden steht im Vordergrund. Eine radikale Offenheit. Bei den Mitmenschen stößt das nicht immer auf Verständnis. Und einige Mitmenschen haben nicht die Geduld, diesen Weg fünf Jahre lang mit mir zu gehen. Manche nicht einmal drei. Doch für alle, die geblieben sind, bin ich sehr dankbar.

Fünf Jahre krebsfrei. Ein wichtiger Meilenstein. Die Krebsnachsorge endet damit offiziell. Demnächst habe ich meinen letzten Termin. Meinen Urologen werde ich aber weiterhin sehen, denn statt Nachsorge heißt es dann Vorsorge. Der Krebs soll schließlich nicht wiederkommen, in welcher Form auch immer. Wie es dann weitergeht? Ich halte euch auf dem Laufenden.

„Krebs ist wie ein Hurricane. Er hinterlässt Spuren. Er ist Katastrophe und Reinigung. Horror und Hoffnung. Er schafft Raum für neues. Für besseres. Für Leben, für Zukunft, für Zuversicht.“

Krebs ist wie ein Hurricane, 11. September 2021

2 Gedanken zu „Fünf Jahre krebsfrei

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