20 Jahre Lebenslauf (8:45)

Ich habe vor kurzem festgestellt, dass ich einen ganz wichtigen Jahrestag verpennt habe, und zwar mein Jubelfest für 20 Jahre Lebenslauf. Bei der Durchsicht meiner Unterlagen ist mir aufgefallen, dass es bereits mehr als 20 Jahre her ist, genau genommen fast 22 Jahre, seitdem ich für meine allererste richtige Bewerbung meinen allerersten ernsthaften Lebenslauf geschrieben habe. Natürlich hatten wir in der Schule, in dem vor Sexappeal nur so triefenden Fach „Arbeit und Wirtschaft“, die Grundlagen des Lebenslaufs oft durchgenommen und auch das eine oder andere Testexemplar verfasst. Kann gut sein, dass das auch mal Thema in einer Klausur war. Doch im Zusammenhang mit einer richtigen Bewerbung auf dem Arbeitsmarkt im echten Leben sollte ich erst 1995 die Bühne der tabellarischen Lebensläufe betreten. Es ist unglaublich, welchen Wandel meine Curricula Vitae seitdem vollzogen haben.

1995: Es wirkt wie eine Geschichte aus einer anderen Zeit, denn meinen allerersten Lebenslauf für meine allererste Bewerbung habe ich tatsächlich mit der Schreibmaschine geschrieben. Einer mechanischen. Und das hat ewig gedauert. Bei dem Schreibgerät handelte es sich um eine Reiseschreibmaschine aus dem Nachlass meines Großvaters. Das Maschineschreiben, das als Hobby begonnen hatte, gipfelte irgendwann in einem Kurs fürs Zehn-Finger-Schreiben. Von den 20 Schülern schrieben 18 auf elektrischen und nur zwei auf mechanischen Schreibmaschinen. Ich war einer von ihnen.

Das führte dazu, dass ich meine allererste Bewerbung auch auf ebendieser Schreibmaschine produzierte. Einen Computer mit Drucker sollten wir erst drei Jahre später bekommen. Die Bewerbung richtete sich an die örtliche Tageszeitung, bei der ich nach meinem Realschulabschluss im Jahr darauf eine Ausbildung als Schriftsetzer anfangen wollte. Stunden-, gefühlt tagelang hämmerte ich auf der Schreibmaschine herum, bis die zweiseitige Bewerbung nach unzähligen Ausrutschern endlich fehlerlos getippt war. An den genauen Wortlaut des Anschreibens kann ich mich nicht mehr erinnern, doch im Lebenslauf hat nicht viel mehr gestanden als Geburtsort, Grundschule und Realschule. Das Bewerbungsfoto? Keine Ahnung. Ich würde es gerne nochmal sehen.

Mein Eifer an der Schreibmaschine führte schließlich dazu, dass ich als Reaktion auf meine Bewerbung erst zum Einstellungstest und später zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde. Dabei habe ich allerdings zu sehr raushängen lassen, dass ich nach der Realschule eigentlich erst mal mein Abitur machen wollte. Mit der Ausbildung ist es dann nichts geworden. Mit dem Abi schon.

2007: Nach dem Abi musste ich lange Zeit keinen richtigen Lebenslauf schreiben. Zur Bundeswehr (1999) kam ich auch so, fürs Studium (2001) reichten Formulare und Zeugnisse und für die Studentenjobs meist nur einfache E-Mails. Doch nach meinem Magister musste ich den warmen Schoß des Studentenlebens gegen die kalte Schulter der Praktikantenwelt eintauschen. Meine erste Bewerbung nach dem Studium habe ich noch. Für das Bewerbungsfoto hat mich meine Freundin (heute Frau) zu Hause einfach vor einer weißen Zimmertür abgelichtet. Ich hatte ein grünes T-Shirt an und sah einfach furchtbar aus. Der Lebenslauf war immer noch recht kurz und bestand jetzt auch aus Gymnasium und Studium. Keine Berufserfahrung, vor allem nicht in dem Job, um den ich mich bewarb. Es ist ein Wunder, dass ich trotz dieser Bewerbung eingeladen und die Praktikumsstelle bekommen habe!

2009: Zwischen Studium und Ausbildung habe ich mir zum ersten Mal ernsthafte Gedanken über das Aussehen meines Lebenslaufs gemacht. Bisher hatte ich einfach nur eine kurze Tabelle mit den wichtigsten Daten erstellt und oben rechts ein Passfoto reinkopiert. Damit musste jetzt Schluss sein, denn ich lernte, dass es bei einer Bewerbung vor allem um Werbung geht. Steckt im Namen ja auch schon drin. Also machte ich Werbung für mich und schuf eine richtige Bewerbungsmappe mit Deckblatt, ordentlichem Foto, Anschreiben, Lebenslauf, Arbeitsproben und Zeugnissen. Alles digital, denn in die Kunst der PDF-Dateien hatte ich mich inzwischen auch eingearbeitet.

Für das Foto nutzte ich ein Familienfest, ich glaube eine Taufe, bei der ich Hemd, Pullunder und Haargel trug. Das Foto von mir, das wieder meine Freundin (heute Frau) machte, diesmal allerdings in grüner Natur und mit unscharfem Hintergrund (wow!), war vom Werk eines professionellen Fotografen kaum zu unterscheiden. Auch der Lebenslauf wurde langsam länger. Neben Grundschule und Studium standen da jetzt auch so Dinge wie „Praktikum X“ und „Praktikum Y“ drin und hinten dran klemmten zahlreiche Arbeitsproben und -zeugnisse. Ich war sehr stolz auf mein Werk. Es dauerte zwar eine Weile, bis ich endlich ein Volontariat beim Radio bekam, aber ich bekam es.

2014: Das Volontariat und die daraus resultierende Erfahrung beim Radio waren toll und wertvoll. Nach ein paar Jahren hinter dem Mikro wollte ich aber wieder zurück zur Zeitung. Das klappte recht reibungslos durch alte Beziehungen, hielt allerdings nur zwei Jahre. Die Wirtschaft soll schuld gewesen sein. So kam es, dass ich mich für ein paar Monate der Bevölkerungsgruppe der Arbeitslosen anschließen musste.

Mit meiner Bewerbungsmappe musste etwas passieren. Für das Foto nahm ich mir diesmal etwas mehr Zeit. An einem kühlen Herbstsamstag mit zaghaftem Sonnenschein spazierte ich mit meiner Frau (vorher Freundin) durch zwei Parks in unserer Stadt. Ich trug wieder Hemd und Gedöns, posierte diesmal vor verschiedenen Hintergründen und knallte meiner Fotografin mein Eine-Million-Dollar-Lächeln durch die Linse. Ich entschied mich schließlich für ein Foto mit Strauch im Hintergrund. Hier und da hingen kleine rote Beeren zwischen dem Grün, was mit dem passenden Fotofilter ganz nett rüberkam.

Meinen Lebenslauf ließ ich zum ersten Mal von einem befreundeten Personaler durchchecken. Ich hatte bislang immer noch versucht, alle wichtigen Daten auf nur einer DIN-A-4-Seite unterzubringen, doch meine beruflichen Stationen hatten sich inzwischen derart vermehrt, dass die Schriftart immer kleiner und die Seitenränder immer schmaler wurden. Statt alles zusammen zu quetschen, riet mir der Bekannte, den Lebenslauf auf zwei Seiten auszudehnen. Ich hatte bis dahin immer gedacht, dass das eher schlecht für den ersten Eindruck sei, doch die Struktur wurde viel lockerer und die Lesbarkeit viel angenehmer. Es war ein guter Ratschlag und der neue, zweiseitige Lebenslauf plus das neue Foto führten schließlich zu einem erfolgreichen Wechsel ins Marketing.

2017: Der Schritt ins Marketing war richtig, doch so langsam werde ich wieder hibbelig. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich bereits an den Zwei-Jahres-Rhythmus gewöhnt habe, in dem ich in den vergangenen Jahren die Jobs wechseln musste. Inzwischen sind fast zweieinhalb Jahre seit dem letzten Wechsel vergangen. Wahrscheinlich muss ich einfach noch etwas abwarten, bis die Hibbeligkeit wieder verschwindet. Der Job ist unbefristet und recht angenehm. Eine völlig neue Erfahrung für mich. Sich nicht ständig neu bewerben zu müssen, hat was.

Meinen Lebenslauf habe ich trotzdem schon mal überarbeitet. Man weiß ja nie. Beim Foto bin ich meiner Linie treu geblieben. Meine Frau (immer noch die gleiche) fotografiert mich vor Grün. Auch sie hat über die Jahre dazugelernt, möchte aber weiterhin im Kundenservice ihrer Firma tätig bleiben.

Das Ende meiner Lebenslauf-Evolution ist jedenfalls noch nicht erreicht. Momentan denke ich über die Erstellung einer Webseite mit Arbeitsproben sowie den Einsatz eines Profi-Fotografen, der mich von allen Seiten ins richtige Licht setzt, nach. Wer Geld verdienen will, muss schließlich Geld ausgeben, richtig?

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