Die schönsten Bahnstrecken gratis erleben (5:00)

Eigentlich ist es ja ganz nett, wenn ein Unternehmen seinen Kunden kostenlose Zusatzleistungen zur Verfügung stellt und im Gegenzug dafür nichts verlangt. Das ist Service, da fühlt man sich gewertschätzt und startet angenehm in den Tag. Bei der Deutschen Bahn habe ich allerdings langsam genug von diesen Bonusangeboten.

Erst gestern hat die Bahn sich offenbar gedacht, dass ich es begrüßen würde, außer der altbekannten Bahnstrecke zwischen Celle und Hamburg, die ich fast täglich fahre, einmal etwas Neues zu erleben. So ließ die Leitstelle den von mir angestrebten Haltepunkt am Hamburger Hauptbahnhof kurzerhand weg und mich erst wieder am Bahnhof in Hamburg-Bergedorf aussteigen. Was für eine Perle bahnbaugeschichtlicher Architektur – Vielen Dank für dieses Erlebnis!

Hinzu kam anschließend eine kostenlose Fahrt mit der S-Bahn durch den Osten Hamburgs. Allermöhe, Tiefstack, Rothenburgsort – Da kommt man aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus. Ich durfte auch endlich mal wieder am Berliner Tor aussteigen und über den Campus der HAW spazieren. Was für ein schöner Start in den Tag! Und das, nachdem der Tag davor eine absolute Katastrophe war. Der eine oder andere wird sich erinnern, dass Deutschland an diesem Tag aus der Fußball-WM ausgeschieden ist. Außerdem war es der zweite Todestag von Bud Spencer. Und irgendwas war noch bei der Arbeit.

Es kommt immer wieder mal vor, dass die Bahn ihren Kunden diese Überraschungserlebnisse bietet. Und sie macht dabei keinen Unterschied, ob der Fahrgast nur ein Einzelticket, eine Monatskarte oder gar eine Bahncard 100 besitzt. Irre.

Meine Lieblingsüberraschung ist von Hamburg aus die Umleitung über Rothenburg nach Hannover. Dabei stören einen keine lästigen Zwischenhalte und man erlebt den Hauptbahnhof der niedersächsischen Landeshauptstadt hautnah, inklusive der Bonusfahrt über Langenhagen nach Celle. Vor allem abends im Winter ist das eine tolle Sache. Und wenn dieses Ereignis an zwei aufeinander folgenden Abenden passiert, wie jüngst geschehen, kommt der Bahnkunde aus dem verstörten Grinsen gar nicht mehr heraus, während er nach einem Psychotherapeuten googelt.

Ganz weit oben in den Charts ist auch jener Morgen, an dem meine Zugfahrt abrupt in Uelzen endete und ich mit dem Bus als Schienenersatzverkehr weiterfahren durfte. Eine Stunde lang juckelte der vollbepackte Kasten durch die niedersächsische Steppe, vorbei an Getreidefeldern und Kuhweiden, steuerte, so wie es die Bahn auch getan hätte, den Bahnhof Bad Bevensen an, an dem aber niemand weder ein- noch aussteigen wollte, und stoppte schließlich in Lüneburg, von wo aus es mit der Regionalbahn weiter nach Hamburg ging. Die Verspätung auf der Arbeit hatte fast den dreistelligen Minutenbereich erreicht. Ohne Sie wäre mir diese schnuckelige Landpartie aber natürlich verwehrt geblieben.

Manchmal erstrecken sich diese spontanen Bahnerlebnisse auch über mehrere Tage. Es ist bereits zwei- oder dreimal vorgekommen, dass ich mir abends spontan ein Hotelzimmer buchen musste, weil ich mit der Bahn nicht mehr nach Hause gekommen wäre. Meistens hatte ich Glück und es war noch etwas frei in einer der Herbergen in Bahnhofsnähe. Einmal musste ich bis 19 Uhr bangen, bis die Reservierungen ausgelaufen waren und wieder freigegeben werden durften.

Teil dieser spontanen Overnight-Events ist stets ein Abstecher zum Shopping in die Hamburger Innenstadt. Bei H&M werden Unterhosen und T-Shirts und bei Rossmann Duschgel und Zahnpasta gekauft, um die Nacht halbwegs zivilisiert überstehen zu können. Als Trost kommt eine Packung Kekse dazu, die vor dem Fernseher im Hotelzimmer verknuspert wird. Der nächste Tag startet dann mit einem meist guten Hotelfrühstück. Das ist fast wie Urlaub. Und wenigstens bin ich an diesen Tagen pünktlich bei der Arbeit.

Eines Nachmittages war die Streckensperrung bereits angekündigt, allerdings nur die Deutsche Bahn und nicht die Privatunternehmen betroffen. Ich reservierte mir schon Stunden vor dem Feierabend unverbindlich ein Zimmer im Hotel, buchte mir gleichzeitig eine Heimfahrt mit dem Fernbus und ging abends zum Bahnhof. Am Bahnsteig stehend schielte ich gleichzeitig auf Uhr und Anzeigentafel – ließ den Fernbus schließlich fahren, das Zimmer verfallen und nahm die Regionalbahn eines privaten Anbieters, die zwar planmäßig fuhr, aber fast doppelt so lange unterwegs war wie mein gewohnter Intercity. Der Fernbus, wieder über Hannover, hätte allerdings noch länger gebraucht.

Ich kann das ja verstehen, liebe Bahn. Manchmal ist Wetter und so, schon klar. Aber spätestens, wenn zweimal an der gleichen Stelle ein Baum auf die Gleise fällt, schicke ich dort doch mal jemanden mit der Kettensäge vorbei. Kann doch nicht so schwer sein.

Kostenlose Zusatzangebote nehme ich übrigens weiterhin gerne entgegen. Allerdings müssen diese nicht unbedingt eine Bahnfahrt beinhalten. In ein paar Wochen habe ich Urlaub und könnte mir einen spontanen Flug in die Sonne vorstellen. Mit Strand. Sag einfach Bescheid, wann und wo es losgeht, liebe Bahn. Ich freue mich.

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6 Gedanken zu „Die schönsten Bahnstrecken gratis erleben (5:00)

      1. Ach ja, das stimmt. Erinnere mich da gern an ein Stehenbleiben auf der Autobahn, wo mir schnell und unkompliziert geholfen wurde. Am besten war die Szene als mein Retter in der Not dem ADAC Menschen am Telefon sagte: „Mit so einem Servicewagen brauchen sie gar nicht erst zu kommen. Wir brauchen einen Abschlepper. Ich kenn mich aus mit Autos.“ Hat sogar geholfen und mir bestimmt eine Stunde Zeit erspart. LG Undine

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      2. Bei den gelben Engeln werden bei mir auch Erinnerungen wach. Mein erstes Auto war im Winter etwas schwach auf der Brust. Da musste der ADAC regelmäßig Starthilfe geben. “Heute kann es bis zu zwei Stunden dauern, bis jemand bei Ihnen ist.“ Na ok…

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  1. Hahaha, das kenne ich… Einmal war es ganz verrückt, da fuhren wir irgendwie im Zick-Zack, oder auch in einem Loop, vor und dann wieder zurück, und dann wieder weiter und dann nochmal einen Umweg. Das war echt halluzenugen. Oder einfach irre. Ich weiß nicht. Werde diese Fahrt nie vergessen. Vor allem, weil meine Sitznachbarn eifrig rummeckerten, und ich nervös war weil ich nicht mehr durchblickte, wo wir denn nun waren. Natürlich, wie kann es anders sein, verpasste ich den Bus den ich brauchte als ich endlich zuhause war, und musste mindestens eine Stunde dämlich am Bahnhof warten. Doch, war toll. Kapriolen halt. Muss ich auch mal wieder machen, ich war feige die letzte Zeit, wenn es hieß „Baustellen“ sah ich rot und blieb einfach weg vom Bahnhof, es schien mir das sicherste zu sein (oder das kleinste von zwei Übeln.)
    Lol. :-D
    Und nee… Urlaub, pff, es ist doch schon angekündigt, dass die Bahn da wieder loslegt, warum auch nicht, da muss irgendwo ein Sadist im Planungsstab sitzen. Doch. Bestimmt. Du Armer! ;-)

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