Kunst ist keine Kunst (5:00)

Ich mag es ja, wenn Songs erst ganz normal und aufgeräumt beginnen und dann am Ende vollkommen ausrasten. Am Anfang steht nur eine saubere, unschuldige Schüssel auf dem Tisch. Dann folgen nach und nach alle Zutaten und werden vermischt. Mit den Händen geht es da rein und wird durchgeknetet. Dann mit dem Löffel. Es wird gerührt und gerührt. Immer schneller und heftiger. Alles spritzt durch die Gegend. Schließlich der Mixer. Volle Drehzahl bis zum Anschlag. Ohne Deckel. Ohrenbetäubender Lärm. Der Küchentisch bebt. Das große Finale. Dann plötzlich Schluss. Ein kurzer Nachhall, dann Stille. Die Küche sieht aus wie explodiert. Überall klebt etwas an den Wänden. Und an mir. Löffel und Mixer haben das Zeitliche gesegnet. Ich fasse es nicht. War das geil! Das ist Rock’n’Roll.

Bei Filmen genauso. Ich mag Filme. Alle Filme eigentlich. Solange sie gut sind. Das hängt nicht von großen Namen und noch größeren Budgets ab. Die Idee, die Geschichte, die Umsetzung. Das muss stimmen. Und das Ende natürlich. Ein toller Film ohne ein tolles Ende ist nicht toll. Plus mal Minus ergibt Minus. Das lässt sich in allen Lebensbereichen anwenden. Intelligent muss ein Film sein. Nachvollziehbar. Ohne diese „Hä?“-Momente, die einen beim Zuschauen solange beschäftigen, bis man den Faden verloren hat, dann nur noch entrüstet weiterschauen kann und hofft, dass die Story sich nochmal fängt. Und wenigstens das Ende gut ist.

Ich habe Verständnis für Filme. Ich kann erahnen, was alles dahintersteckt, bis ein Film fertig ist. Drehbuch, Casting, Filmset, Dreharbeiten, Schneiden, Vertonen, Promotion. Nicht leicht. Viel Arbeit. Einen ganzen Tag drehen für eine nachher zwei Sekunden lange Einstellung im Film. Umso trauriger, wenn dann nichts Gescheites dabei rauskommt. Fleißpunkte gibt es beim Film leider nicht. Nur die Goldene Himbeere. Und da hat selbst die Teilnehmerurkunde bei den Bundesjugendspielen eine größere Bedeutung.

Ich mag auch Kunst. Natürlich. Schließlich habe ich mich im Studium eingehend damit beschäftigt. Großes Verständnis also. Kunst ist immer Kunst, egal ob gut oder schlecht. Immer Kunst. Solange einer kommt und sagt „Das ist Kunst“, solange ist das Kunst.

Kunst ist längst nicht mehr nur schön. Wie noch vor 150 Jahren. Maler waren Handwerker. Und das realistische Abbild von Menschen und Landschaften die höchste Kunst. Irgendwann reichte das nicht mehr. Hautfarbe, Proportionen, Goldener Schnitt, Augen, Wasser, Haare. Irgendwann wurde es einfach nicht mehr innovativer. Etwas Neues musste her. Nicht einfach nur Farbe auf Papier und alle sagen „Ahh“ und „Ohh“. Die Idee wurde wichtig. Intention. Begründung. Provokation. Das berühmte „Was will uns der Künstler damit sagen?“.

Kasimir Malewitsch. Das schwarze Quadrat. Für heutige Verhältnisse nichts Besonderes. Doch für damals der Hammer. Während alle anderen noch Landschaften, Haare und Augen malen, pinselt der Ukrainer 1915 ein schwarzes Quadrat auf die Leinwand. Einfach so. Und sagt, das sei Kunst. Das erste moderne Kunstwerk. Ein Skandal. Was soll das? Es hat eine Idee! Die Idee, anders zu sein. Aufsehen zu erregen. Perfekt.

Deutsche Kneipen sind zum Bersten mit Stammtischen gefüllt, an denen jeder „Das kann ich auch“ lallt. Bitte. Nur zu. Klar kann jeder ein schwarzes Quadrat malen. Es behauptet aber nicht jeder, das sei Kunst. Und nur wer das behauptet, ist der Künstler. Wer den Mut hat, Neues, Abstraktes zu schaffen und das als Kunst zu bezeichnen, ist ein Künstler. „Ich finde das nicht schön“, ist eine Meinung, aber kein Argument gegen Kunst. Kunst kann auch schlecht sein. Trotzdem ist es Kunst.

Filme, Musik und Literatur sind auch Kunst. Jedes Mal hat da jemand gesessen und diese Idee gehabt und dann einen Film, einen Song oder ein Buch daraus gemacht. Jedes Mal. Wagner. Wollte einfach nur ohrenbetäubende Musik machen. Beatmusik ist auch so entstanden. Hollywood. Moby Dick. Schlager und Tatort leider auch. Ob das jetzt gut war oder schlecht, die Welt verbessert hat oder nicht – vollkommen egal. Erstmal Kunst. Jeder, der seinen Geist durchpflügt und aus dem Nichts etwas entstehen lässt, erschafft zunächst einmal Kunst. Von mir aus auch Kinder mit Buntstift, Gärtner mit Heckenschere und natürlich auch Journalisten.

Und wenn morgen früh ein junger Student die Straße entlang geht, alle zwei Meter einen Haufen auf den Bordstein kackt, dort eine kleine USA-Flagge reinsteckt und das als Kapitalismuskritik bezeichnet, dann ist das Kunst. Performance-Kunst sogar. Street Art. Vielleicht sogar Land Art. Spaß beiseite. Und wenn jemand davon Fotos macht und diese großformatig ausdruckt, wird daraus sogar Museumskunst. Scheiß Kunst zwar, aber auf jeden Fall Kunst. Der Künstler hat es so gewollt.

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6 Gedanken zu „Kunst ist keine Kunst (5:00)

  1. Journalisten lassen aus dem Nichts was entstehen?????????? ähm… fake news? ……..
    Um kurz ernst zu werden: Vieles, was Du als „Kunst“ benannt hast, ist Unterhaltung. Für die breite Masse oder den Einzelnen und wird auch so vermarktet. Der Künstler ist eher ein Getriebener, denn ein Verkünder. Und schafft es leider oft nicht, sich zu vermarkten. Weshalb es zahlreiche Talente gibt, die einfach physisch und psychisch verhungern.

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      1. Unterhaltung ist Kunst – Unterhaltungskunst. Sehen, hören, riechen, schmecken, sich freuen und vergessen. Next. Das passiert bei „getriebener“ Kunst eher selten, das setzt sich fest und arbeitet im Hirn des Publikums.
        Das Problem ist eher ganz unten anzusetzen: jedes Kind malt mehr oder weniger gern, singt, tanzt. Es probiert sich aus. Und sich da hinzustellen (wie so viele Eltern, Lehrer, Erzieher) und zu sagen, das ist gaaaaanz toll und Kunst, ist falsch, weil der kleine Schraz dann später meint, es wirklich zu können und eben nicht talentiert – also „begnadet“ ist und sondern meint, künstlerisch immer noch mit Kackhaufen provozieren zu können. Langweilig, next.
        ABER – es haben sich schon ganz andere den Zahn zerschmettert, bei dem Versuch, den Begriff Kunst zu definieren – lass uns Freunde bleiben :)) :)) :))

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  2. Wie meine Kunstlehrerin mal sagte „Kunst kommt nicht von können, sondern von verkünden“ – hat sich mir eingeprägt, der Satz. Besonders weil ich das meiste nicht „konnte“, was wir im Kunstunterricht machen sollten. Andererseits hatte ich aber auch nichts zu verkünden. Habe Kunst dann abgewählt, sobald das ging ;-)

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