Ich bin jetzt tatsächlich seit zehn Jahren krebsfrei. Am 1. Oktober 2016 ging meine primäre Krebsbehandlung mit zwei Operationen und insgesamt 25 Tagen im Krankenhaus zu Ende. Ich wurde aus der Klinik entlassen und wieder in die richtige Welt hinausgeschickt. Es gab zwar noch eine weitere kleine Operation eineinhalb Jahr später, doch seit meiner Entlassung vor zehn Jahren ist der Peniskrebs nicht wieder aufgetaucht. Deswegen betrachte ich mich heute als seit zehn Jahren krebsfrei.
Dieser Meilenstein fühlt sich gar nicht so besonders an. Ich weiß noch, wie ich auf die Fünfjahresmarke 2021 hingearbeitet hatte. Damals steckte ich noch in der Nachsorge, ließ jedes Jahr ein MRT machen und mich alle sechs Monate vom Urologen untersuchen. Ich hatte einen Schwerbehindertenausweis mit GdB 50 und befand mich in der „Heilungsbewährung“. Die fünfjährige Krebsfreiheit war etwas besonderes für mich. Heute, weitere fünf Jahre später, fühlt sich das anders an.
Alltag lässt Krebs in den Hintergrund rücken
Vielleicht liegt es daran, dass sich der Krebs so lange nicht mehr hat blicken lassen und mir keine bösen Überraschungen mehr bereitet hat. Vielleicht ist er aber auch neben vielen anderen Dingen etwas weiter in den Hintergrund gerückt. Der Alltag hat mich wieder, ich gehe regelmäßig arbeiten, habe Haus und Garten und eine mittlerweile sechs Jahre alte Tochter, die zur Schule geht. Das alles fordert mich und wirbelt meine Prioritätenliste regelmäßig durcheinander.
Meine Aufklärungsarbeit und die Tätigkeit als Krebsbotschafter für verschiedene Projekte ist weiterhin ein wichtiger Teil meines Lebens. Das Erzählen meiner Geschichte und der Einsatz beispielsweise für die HPV-Impfung ist mittlerweile aber mein größter Berührungspunkt mit dem Thema Krebs. Manchmal fühlt sich das Erlebte schon merkwürdig weit weg an. Das ist einerseits gut, denn nach zehn Jahren soll mein Leben nicht mehr vollständig durch die Krebserfahrung bestimmt werden. Doch manchmal habe ich die Befürchtung, dass ausgerechnet dann wieder etwas schlimmes passiert, wenn ich mir meiner guten Laune zu sicher bin. Das ist in der Vergangenheit einfach zu oft vorgekommen.

Bestandsaufnahme von unten nach oben
Doch unterm Strich ist die zehnjährige Krebsfreiheit natürlich ein Grund zum Feiern und ein Anlass für eine grundlegende Bestandsaufnahme meines Körpers. Wie geht’s dem eigentlich so nach dem ganzen Stress? Ich fange einfach mal unten an und arbeite mich bis nach oben durch:
Füße
Meinen Füßen geht es die meiste Zeit gut. Nach meiner Operation an der Leiste war mein Lymphsystem ziemlich durcheinander, wodurch sich in den Beinen und Füßen Flüssigkeit sammelte und diese anschwellen ließ. Heute habe ich das noch vereinzelt an warmen Sommertagen. Wenn ich zu lange am Tisch sitze, schwellen meine Füße an und ich komme nicht mehr so leicht in meine Schuhe. Nach etwas Bewegung und Hochlegen der Beine geht das dann meist wieder. Ich habe den Eindruck, dass das intensive Lauftraining der vergangenen Jahre dieses Problem weiter abgeschwächt hat.
Oberschenkel
Mein linker Oberschenkel wird mich immer an meine Krebserfahrung erinnern. Dort wurde mir für die OP am Penis ein Stück Haut entnommen und als neue Eichel an die Penisspitze gesetzt. Am Bein blieb eine rote, kreditkartengroße Wunde zurück, die nach und nach vernarbte. Heute ist die Stelle verblasst und hat sich farblich weitestgehend wieder angepasst. Sichtbar ist sie nur noch, weil an der Stelle keine Haare mehr wachsen.
Leiste
An der Leiste wurde ich operiert, weil die Ärzte vorsorglich untersuchen wollten, ob mein Lymphsystem ebenfalls von Krebs befallen war. Auf beiden Seiten wurden mir Lymphknoten entnommen, die allesamt unauffällig waren. Als Folge konnte ich ein paar Tage nicht richtig laufen, weil mich die Wunden stark in meiner Bewegung einschränkten. Zurück blieben auch hier Narben, die ich in den folgenden Wochen gewissenhaft pflegte und sie mit einem speziellem Gel geschmeidig hielt. Dieser Aufwand hat sich gelohnt, denn heute sind die Narben kaum noch zu erkennen. Geblieben ist jedoch ein leicht unangenehmes Taubheitsgefühl rund um die operierten Stellen. Auch hier habe ich den Eindruck, dass mein Lauftraining zu einer Verbesserung beigetragen hat.

Penis
Das Epizentrum meiner Krebserkrankung war der Penis, Ground Zero gewissermaßen. Dort ist mittlerweile alles wieder in einem guten Zustand. Die neue Eichel aus Oberschenkelhaut sieht täuschend echt aus und wurde auch Jahre später noch von diversen Medizinerinnen und Medizinern gelobt. Wenn man es nicht wüsste, würde man nicht auf die Idee kommen, dass ich an der Penisspitze operiert wurde. Auch in den Funktionen habe ich kaum Einschränkungen behalten. Das Gefühl an der Eichel ist anders als vorher, aber Erektion, Sex und Orgasmus finden weiterhin statt. Beim Wasserlassen habe ich eine Veränderung des Urinstrahls bemerkt, die mich nicht mehr so leicht im Stehen pinkeln lässt wie vorher.
Bauch
Mein Bauchgefühl hat sich durch die gesamte Krebserfahrung mein Vertrauen verdient. Rückblickend waren alle Entscheidungen, die ich bezüglich Klinikwahl und Behandlungsoptionen getroffen hatte, richtig und bis heute bin ich mit dem Ergebnis der Behandlung sehr zufrieden. In den vergangenen Jahren habe ich verstärkt auf meinen Bauch gehört und das war oft von Erfolg gekrönt. Mein Magen dagegen ist gefühlt nicht mehr so widerstandsfähig und ich habe noch nicht ganz herausgefunden, woran das eigentlich liegt. Ich vermute, dass er sich zu oft mit meinem Kopf unterhält und sich von dessen Problemen allzu oft runterziehen lässt.
Kopf
Der Kopf ist nach wie vor die größte Baustelle nach meiner Krebserfahrung. Welche Auswirkungen die Erlebnisse auf meine Psyche haben werden, hatte ich so nicht erwartet. Ebenso nicht, dass die größten Beschwerden erst Jahre nach Behandlungsende aufgetreten und nur schwer wieder wegzukriegen sind. Bei meiner ersten Reha 2017 habe ich die Wichtigkeit eine psychosomatischen Behandlung unterschätzt, bei meiner zweiten Reha im Jahr 2022 wurden meine ausdrücklichen Wünsche danach nicht erfüllt.
Ich hatte eine Handvoll Einzel- und Gruppengespräche, ein Kennlerngespräch bei einer Therapeutin, das in der Sackgasse landete und anschließend eine Art Beratung, die ich selbst bezahlt habe. Das war alles sehr mühsam und hat mich sehr unzufrieden und resigniert zurückgelassen. Ich war stets bereit und offen für eine Psychotherapie, bin letztendlich aber am System gescheitert, das Beharrlichkeit und Engagement erfordert, in Zeiten, in denen man diese einfach nicht aufbringen kann.
Ich habe nach wie vor Schwierigkeiten damit, manchen alltäglichen Situationen mit der gebotenen Gelassenheit entgegenzutreten. Mit Überraschungen und unvorhergesehenen Ereignissen kann ich nach wie vor nicht gut umgehen. Freie Zeit kann ich oft nicht für Hobbys wie Sport nutzen, weil das Bedürfnis nach Ruhe und Erholung stärker ist. Das Gute ist, dass ich in Verbindung mit meinem Bauchgefühl jetzt stärker auf meine Bedürfnisse achte. Dabei glaube ich, dass nach meinem Krebs gar nicht so viele neue Bedürfnisse dazugekommen sind, sondern dass ich ihnen jetzt einfach nur mehr Möglichkeiten zu Entfaltung gebe als vorher.