Muttipedia (5:30)

Seitdem ich Kaffee trinke, trinke ich Kaffee mit Milch und Zucker. Immer schon. Ok, das allererste Mal vielleicht nicht, als ich noch nicht wusste, ob mir Kaffee überhaupt schmeckt. Den allerersten Schluck Kaffee meines Lebens habe ich vielleicht noch ohne Milch und Zucker getrunken, aber kurz darauf muss ich beschlossen haben, Kaffee in Zukunft nur noch mit Milch und Zucker zu trinken. Immer! Und niemals wieder anders!

Auch wenn ich bei meiner Mutter Kaffee trinke, ist das so. Vor ihren Augen schütte ich zuerst etwas Milch und anschließend zwei Löffel Zucker in meine Tasse. Jedes Mal ist das so. Und jedes Mal muss ich mir vorher den Zucker selbst aus der Küche holen, weil meine Mutter sich das einfach nicht merken kann. Sie selbst trinkt ihren Kaffee nämlich ohne Zucker.

Ich würde meine Mutter niemals als vergesslich bezeichnen. Meinen Namen und meinen Geburtstag hat sie mit Mitte 60 immer noch parat und auch sonst kommt sie gut durch den Tag. Nur bei manchen Eigenheiten und Zusammenhängen, die gewisse Personen betreffen, kommt sie manchmal etwas durcheinander.

Das letzte Weihnachtsfest war mal wieder ein Paradebeispiel. Als wir an Heiligabend irgendwann zwischen Kaffee und Fondue in großer Runde zusammensaßen und Neuigkeiten über gemeinsame Bekannte austauschten, schaute meine Mutter mich an und fragte:

„Sag mal, die Hanna und der Maik, die kennst du doch von der Schule, oder? Mit denen hast du doch Abi gemacht, nicht wahr?

„Nee, nicht ganz“, war meine Antwort. Über Hanna und Maik hatten wir übrigens gerade gesprochen. „Hanna ist vier Jahre jünger als ich und Maik hat nur Realschule. Ich kenne beide durch Holger aus dem Verein.“

An sich keine große Sache. Wenn meine Mutter nicht genau weiß, woher ich meine besten Freunde kenne, ist das ok. Doch dieses Ereignis, zusammen mit der Zucker-im-Kaffee-Problematik und noch einigen ähnlichen Vorkommnissen, veranlasste mich zu folgendem Projekt, das ich im neuen Jahr sofort in Angriff nahm: eine Wissens-Datenbank für meine Mutter.

Zunächst fing ich an, wichtige Einzelheiten über mich und meine Frau zu erfassen:

Stefan: Trinkt Kaffee nur mit Milch und Zucker, kennt Andreas, Sarah, Jannis und Michael aus der Schule, Hanna und Maik dagegen aus dem Verein, mag keinen Rosenkohl, keinen Kümmel und keinen Cappuccino-Pudding, dafür Zimt, Rosinen und Spinat, trinkt gerne helles Bier und Jägermeister, mag kein Dunkelbier und auch keinen Fernet Branca.

Frau: Mag weder Zimt, noch Rosinen, dafür Rosenkohl, ging mit Tanja und Friederike zur Schule, ist nicht mit einem Wilfried verwandt, hat mittlerweile zwei Patenkinder, nämlich Leona und Jan-Niklas, der kleine Marvin gehört nicht dazu. Die Zwillinge Adrian und Damian gehören zu ihrer älteren Schwester, Hannes dagegen ist der Sohn ihres älteren Bruders.

Anschließend erweiterte ich den Kreis um weitere Personen:

Mein Bruder trinkt Kaffee nur mit Milch, gerne aber auch mal Tee und den dann auch mit Zucker. Seine Frau hat noch zwei Schwestern, die Jüngere hat bereits zwei Kinder, die ältere noch keine. Mein bester Freund hat bereits zwei Kinder und arbeitet in unserer Stadt. Die beste Freundin meiner Frau ist bereits einmal geschieden, hat aus der Ehe einen Sohn (Mats), mittlerweile aber einen neuen Lebensgefährten und von dem ist sie bereits schwanger. Den Namen des Kindes werde ich nach der Geburt in der Datenbank nachpflegen.

Schließlich nahm ich mir unsere Onkel und Tanten, die Nachbarn, den Postboten und den Pastor vor. Nach und nach entstand ein ziemlich umfangreiches Nachschlagewerk.

Am Ende musste ich mich entscheiden: als Buch oder in Heftform? Weder das eine, noch das andere, war die Antwort. Meine Mutter ist nämlich trotz ihres Alters eine moderne Frau geblieben, mit LCD-Fernseher, Mikrowelle, Thermomix, Mähroboter, Zyklonstaubsauger, WLAN und Smartphone. Ich kramte also meine spärlichen Programmier-, HTML- und Webdesign-Kenntnisse zusammen und entwarf eine Handy-App. Ein bisschen Proxy, DOS, SEO und USB war auch mit dabei. Ich wälzte You-Tube-Tutorials und App-Apps, also Apps, die mir zeigten, wie man Apps entwirft. Und nach ein paar Tagen erwachte mein Baby zum Leben: Muttipedia.

Wenn sich meine Mutter bei gewissen Einzelheiten zu einer Person aus ihrem Bekanntenkreis mal nicht sicher sein sollte, sollte sie einfach den Namen ins Suchfeld eingeben und schon hätte sie alle verfügbaren Informationen parat. Lebenslauf, Hobbys, Lieblingsessen, Schuhgröße, Allergien, Anzahl der Hoden, Stuhlgang – das volle Programm. Nach den ersten Testläufen erfüllte mich ein gewisser Stolz.

Ich kann es kaum erwarten, meiner Mutter die App an ihrem Geburtstag ganz feierlich zu überreichen. Sie weiß von nichts…

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9 Gedanken zu “Muttipedia (5:30)

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