Martha und die Hufeisenlegende

Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Schreibwettbewerbs anlässlich des 725. Geburtstags der Stadt Celle entstanden.

Martha und die Hufeisenlegende

Das Hufeisen mit der Jahreszahl 1471 auf der Stechbahn in Celle.
Wie genau kam es dorthin? Martha hat es erlebt. Vielleicht.

Celle, 1471

Klang – Klang – Klang!

Eisen schlug auf Eisen.

Klang – Klang – Klang!

Das Dröhnen von Hammer und Amboss ließ die gesamte Schmiede erzittern.

Klang – Klang – Klang!

Martha öffnete die Augen. An Schlaf war bei diesem Lärm nicht mehr zu denken. Doch das war in Ordnung, denn die Achtjährige mochte es, morgens von der Geschäftigkeit im Haus geweckt zu werden.

Einen Augenblick noch blieb sie liegen, dann schlug sie die Decke zur Seite und trottete aus dem Schlafzimmer hinaus und die knarzende Holztreppe hinunter ins Erdgeschoss. Unten wurde sie von der Wärme des Schmiedefeuers eingehüllt, das ihr Vater bereits am frühen Morgen entzündet hatte.

Klang – Klang – Klang!

Martha blickte in die Richtung, aus der der Lärm kam und betrachtete das ihr wohlbekannte Bild. Neben dem Schmiedefeuer in der Mitte des Raumes stand ihr Vater und bearbeitete ein Stück Eisen. Das Mädchen war stets fasziniert von den Vorgängen, mit denen das kalte, hässliche Metall in nützliche und manchmal sogar hübsche Gegenstände verwandelt werden konnte. Marthas Vater legte das Eisen mit Hilfe einer Zange immer wieder in das Zentrum des Feuers. Dort, wo die Flammen so heiß waren, dass sie fast durchsichtig wurden. Wenn sich das Metall glühend rot verfärbt hatte, holte er es wieder heraus, legte es auf den Amboss und schlug sofort mit einem gewaltigen Hammer auf das Stück ein. Immer wieder hob er den Hammer hoch über den Kopf, um ihn anschließend mit aller Kraft auf die glühende Stelle des Metalls niedersausen zu lassen. Alle Muskeln waren bis aufs Äußerste gespannt, das Gesicht von Anstrengung und Konzentration gezeichnet. Nach ein paar kräftigen Schlägen verlor das Eisen wieder an Farbe. Das war das Zeichen für den Schmied, das mittlerweile leicht gekrümmte Stück erneut im Feuer zu erhitzen.

Der Schmied merkte, dass sich noch jemand mit ihm im Raum aufhielt. Er hob den Kopf und als er Martha entdeckte, verwandelte sich die angespannte Konzentration in seinem Gesicht in ein breites Lächeln. „Guten Morgen, meine Tochter!“, rief er. „Hast du gut geschlafen?“

„Ja. Bis du angefangen hast zu hämmern“, antwortete sie. Dabei tat sie so, als wäre sie wütend und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Schmieden. Das heißt schmieden, mein Schatz.“

„Ist mir egal, wie das heißt. Es ist eine Unverschämtheit, dass du damit mitten in der Nacht anfängst!“

Martha versuchte, grimmig auszusehen, doch ehe sie den passenden Gesichtsausdruck gefunden hatte, prustete sie los vor Lachen. Es war einfach zu lustig, sich mit ihrem Vater aus Spaß zu streiten.

Der Schmied kam lachend auf seine Tochter zu und fuhr ihr durchs Haar. Wenn sie neben ihrem Vater stand, kam sich Martha immer winzig vor. Sie kannte niemanden, der einen so großen und starken Vater hatte, wie sie. Seine Arme waren so dick wie Baumstämme und wenn er von draußen herein kam, passte er kaum durch die Tür. Für die Lederschürze, die er bei der Arbeit trug, hatte man bestimmt die Haut einer ganzen Kuh nehmen müssen. Es gab nichts, was ihm gefährlich werden konnte. Gleichzeitig war er der liebevollste Vater, den sie sich wünschen konnte.

Er ging vor ihr in die Knie und strich ihr mit der Hand über die Wange. Ihr Gesicht versank fast in seiner mächtigen Pranke. „Gehst du mit deiner Mutter gleich auf den Markt? Sie kann heute deine Hilfe gebrauchen.“

Marthas Augen begannen zu leuchten. Sie rannte in den hinteren Teil des Hauses, in dem es weniger nach Werkstatt und mehr nach Küche aussah. Ihre Mutter stand am Kessel und rührte in heißer Milch, damit sie nicht anbrannte. „Ich darf mit auf den Markt?“, rief das Mädchen.

Die Mutter schreckte zusammen und ließ um ein Haar den Holzlöffel fallen. Dann drehte sie sich um und hatte sich wieder gefasst. „Guten Morgen. Und ja, du kommst heute mit“, antwortete sie. „Ich brauche jemanden, der mir beim Tragen hilft.“

Normalerweise ging Marthas Mutter mit einem kleinen Handwagen auf den Markt, wenn sie mehr Dinge kaufen musste, als sie tragen konnte. Doch heute hatte sie sich wohl entschieden, ihre Tochter mitzunehmen, um ihr eine Aufgabe für Erwachsene zuzuteilen.

Martha platzte vor Aufregung. Gleich nach dem Frühstück wollten sie aufbrechen. Aus der heißen Milch im Kessel war zusammen mit Haferflocken und anderem Getreide ein fester Brei geworden. Martha und ihre Mutter setzten sich an den Tisch und aßen aus Holzschüsseln. Kurz darauf ließ der Vater das Eisen Eisen sein und setzte sich dazu.

Eine halbe Stunde später traten Martha und ihre Mutter auf die Straße und machten sich auf den Weg zum Wochenmarkt. Es war Anfang Januar und der Winter hatte die kleine Stadt Celle mit Schnee und Eis und allem, was dazu gehörte, fest im Griff. Martha bibberte, als sie hinaus ins frostige Freie trat. Kurz darauf wäre sie auf dem verschneiten Kopfsteinpflaster fast ausgerutscht. Sie ruderte ungelenk mit den Armen und fand im letzten Moment den Halt wieder. Ihr Herz pochte und sie wurde rot im Gesicht. Die Kälte war für einen kurzen Moment vergessen.

Es war Sonntag, der Tag, an dem in der Stadt der Markt abgehalten werden durfte, und Martha kam es so vor, als wäre die halbe Stadt auf dem Weg zum Marktplatz. Viele Frauen waren unterwegs, aber auch Männer, die Lasten schleppten oder einen Karren hinter sich her zogen. Marthas Mutter nickte hin und wieder einer Person zu, um sie zu grüßen. Viel gesprochen wurde nicht, dazu war es zu kalt und zu früh.

Nach ein paar Minuten hatten Mutter und Tochter den Marktplatz erreicht. Hier war der Handel bereits in vollem Gange. Rechts und links der Mittelachse hatten sich zahlreiche Marktbeschicker aufgestellt, hauptsächlich die Bauern aus der Umgebung. An vielen Ständen wurden Kartoffeln, Eier und Getreide angeboten. In der einen Ecke türmten sich riesige Säcke mit Mehl auf, an einer anderen wurden Schweine und Hühner angeboten.

Neben den Bauern kamen auch viele Händler und Handwerker auf den Markt, um ihre Waren zu verkaufen. Martha entdeckte einen Tischler, der Stühle im Angebot hatte und Löffel schnitzte, einen Böttcher, der große und kleine Fässer aufgestellt hatte und einen Wollhändler, der Felle und fertiges Garn anbot. Auch ein weiterer Schmied war dabei, der allerdings keine Hufeisen und Waffen wie ihr Vater, sondern Kessel, Messer und Nägel anfertigte.

Martha blickte fasziniert in alle Richtungen, während sie sich an der Hand ihrer Mutter durch das Gedränge ziehen ließ. Am Stand mit den Hühnern entdeckte sie einen kleinen Jungen mit einem Küken in der Hand. Sie wollte ihre Mutter gerade in seine Richtung ziehen, da blickte der Junge zu ihr, streckte die Zunge raus und grinste. Martha schaute schüchtern weg und trottete weiter ihrer Mutter hinterher.

Den Schmieds fehlte es diese Woche nur an ein paar Nahrungsmitteln. Marthas Mutter steuerte eine Handvoll Händler an und kaufte Hirse, Haferflocken und Mehl. Das Mädchen durfte einen Laib Brot tragen.

Die beiden wollten sich gerade auf den Rückweg machen, als es an der einen Seite des Marktplatzes unruhig wurde. Eine Menschentraube bildete sich und wer weiter hinten stand musste den Kopf recken, um etwas erkennen zu können.

„Da steht ein Herold“, sagte eine Frau in Marthas Richtung. „Aber ich kann nicht verstehen, was er sagt.“

Herolde, das wusste das Mädchen, waren so etwas wie Verkünder von Neuigkeiten. Meistens schickte der Herzog sie auf die Straße, wenn er den Bürgern etwas mitteilen wollte. Heute schienen es gute Nachrichten zu sein. Martha konnte den Herold zwar weder hören noch sehen, doch die Menschen um sie herum hatten plötzlich alle einen fröhlichen Ausdruck im Gesicht. Marthas Mutter spitzte die Ohren und lächelte ebenfalls.

„Der Herzog veranstaltet ein Turnier auf der Stekkelbahn“, berichtete sie ihrer Tochter. „Nächste Woche schon. Und wir dürfen alle dabei sein und hinter der Schranke zusehen.“

Jetzt freute sich auch die kleine Martha. Sie mochte die Ritterturniere mit den starken Männern in ihren Rüstungen. Sie mochte die edlen Damen, die auf der Tribüne sitzen durften. Sie mochte Pferde. Und überhaupt mochte sie es, wenn in Celle was los war. Wenn die ganze Stadt auf den Beinen war und alle sich an den Spielen erfreuten.

Auf dem Weg zurück nach Hause konnte Martha an nichts anderes als die Pferde und die stattlichen Ritter denken.

Martha und die Hufeisenlegende (Teil 2)

→ Martha und die Hufeisenlegende (Teil 3)

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