Martha und die Hufeisenlegende (Teil 3 von 3)

→ Martha und die Hufeisenlegende (Teil 2)

Die beiden als erstes ausgelosten Ritter nahmen Lanze und Wappenschild auf, ritten an ihre Startposition und klappten ihre Visiere herunter. Rechts von Martha stand ein Reiter in einer dunklen Rüstung mit weißen und roten Farben an Helm, Lanze und Schild. Auf der linken Seite hatte ein Mann mit blaugelbem Farbbesatz Aufstellung genommen. Der Herold gab das Kommando und beide preschten aufeinander los. Die Ritter hieben ihre metallenen Hacken in die Seiten der Pferde, um sie anzutreiben. Das Hufgetrappel brachte den Boden zum Beben. Erde, Schnee und Matsch flogen durch die Luft. Innerhalb von Sekunden waren beide in der Mitte des Platzes auf gleicher Höhe und richteten ihre Lanzen gegeneinander. Holz krachte auf Metall, splitterte. Die Pferde bäumten sich auf, die Kämpfer stöhnten, ächzten und schrien. Dann waren sie aneinander vorbei. Beide saßen noch im Sattel. Dem Blaugelben war allerdings die Lanze bis zur Hälfte abgebrochen und er schien einen heftigen Stoß abbekommen zu haben, denn er saß jetzt schief im Sattel.

Am Ende der Bahn wendeten beide Kämpfer ihre Pferde und setzten direkt zum nächsten Angriff an. Der blaugelbe Ritter hatte keine Chance. Durch die intakte Lanze war ihm der Rotweiße haushoch überlegen. Er versetzte seinem Gegner aus vollem Ritt einen dermaßen heftigen Stoß, dass der Blaugelbe aus dem Sattel gerissen wurde und zu Boden stürzte. Er blieb auf dem Rücken liegen und wand sich hin und her. Der Kampf war entschieden. Der Blaugelbe wurde mit Hilfe seiner Knappen wieder auf die Beine gestellt. Er humpelte vom Platz, während der Rotweiße sich feiern ließ und aus den Händen einer der Damen seine Siegtrophäe in Form einer goldenen Kette überreicht bekam.

Auf diese Weise ging das Turnier den ganzen Vormittag weiter. Duell folgte auf Duell. Pferde und Ritter gingen an ihre Grenzen. Holz knirschte und Metall schepperte. Mal flog, aus Marthas Sicht, der rechte Ritter vom Pferd, mal der linke. Und manchmal sogar beide gleichzeitig. Dann ging der Kampf am Boden und mit Schwertern weiter, bis einer aufgab. Einmal stürzte sogar ein Pferd und blieb kurz mit gestreckten Beinen liegen. Martha konnte die eisernen Beschläge erkennen, die fest an den Hufen des Tieres saßen. Ihr Vater hatte gute Ware abgeliefert. Kein Wunder, dass der Herzog auf die Arbeit des Schmieds großen Wert legte.

Der Höhepunkt des Turniers war das letzte Duell des Tages, bei dem der Herzog höchstpersönlich gegen einen besonders starken Gegner antreten sollte. Die Partie war die einzige, die nicht ausgelost wurde, sondern bereits vorher feststand.

Wieder trat der Herold auf den Platz und bat um die Aufmerksamkeit der Zuschauer. „Höret her und mich an!“, rief er. „Im letzten Duell des Tages tritt unser großmütige Herzog Otto gegen einen Ritter aus dem hohen Norden an. Er hat sich uns nicht zu erkennen gegeben, doch wir wissen, dass er aus einem edlen und kampferprobten Hause stammt, das in der Vergangenheit schon viele starke Kämpfer hoch zu Pferde hervorgebracht hat. Freue dich Volk, auf einen langen und harten Kampf!“

Die Menge johlte und rückte enger zusammen. Alle wollten den Kampf des Tages aus nächster Nähe sehen. Von hinten schoben sich die Massen in Richtung Absperrung. Martha hatte kaum noch freie Sicht auf den Herold, der jetzt die beiden letzten Kontrahenten des Tages auf den Platz holte. „Volk! Werde dir des Gegners gewahr! Unbekannter Ritter, zeige dich!“

Von Beschimpfungen und Buh-Rufen begleitet trabte ein schwarz geharnischtes Streitross auf den Platz. Im Sattel saß ein ebenso düster eingerüsteter Ritter. Nur seine Lanze und sein Schild waren mit einem roten Streifen versehen. Er trug kein Wappen und wollte seine Herkunft offenbar geheim halten.

„Volk!“, schrie der Herold jetzt. Seine Stimme überschlug sich fast. „Begrüße deinen Herzog, den großmütigen Otto!“

Fanfarenklänge und Jubelschreie ertönten und auf den Platz ritt ein Mann in einer glänzenden Rüstung auf einem braunen, stattlichen Hengst. Der Herzog hatte keinen Helm auf, sodass Martha sein Gesicht und sein lockiges Haar erkennen konnte. Er ritt langsam an der Absperrung entlang, blickte erhobenen Hauptes in die Menge und ließ sich feiern. Schließlich nahm er am linken Ende der Stekkelbahn seine Position ein und hob die Hand. Die Fanfaren verstummten und auch die Zuschauer wurden ruhig.

Für ein paar Sekunden herrschte absolute Stille, in der die Spannung fast mit den Händen zu greifen war. Der Herzog hatte den Blick fest auf den Gegner gerichtet. Seine Augen waren zu Schlitzen geworden. Eine Windböe brachte seine schulterlangen Haare in Wallungen. Schließlich kam ein Knappe heran und reichte ihm seinen Helm. Der Herzog setzte ihn auf, warf seinem Kontrahenten einen letzten Blick zu und klappte das Visier mit einem Ruck zu.

Der Herold gab das Kommando und dann ging alles ganz schnell.

Der Herzog und der schwarze Ritter gaben ihren Pferden die Sporen und beide rasten aufeinander zu. Die Zuschauer johlten und schrien und feuerten den Herzog an. Von hinten drängten immer mehr Menschen an die Schranken. Martha wurde gegen einen Pfosten gedrückt, dann schob sich ein großer Mann vor sie und das Mädchen stand plötzlich mit dem Rücken zum Geschehen, sodass sie ihrer Mutter ins Gesicht schauen konnte. Auch die Frau des Schmieds jubelte und schrie und war von dem Geschehen auf dem Kampfplatz ganz hingerissen. Martha zupfte ihr am Gewand und wollte hochgehoben werden, doch die Mutter bemerkte sie nicht. „Ich kann nichts sehen!“, schrie das Mädchen nach oben, doch zwischen all den Jubelschreien und Anfeuerungsrufen drang sie nicht weit genug durch. Sie blickte weiter in das Gesicht ihrer Mutter, die fasziniert auf das Zusammentreffen der beiden Ritter wartete.

Dann splitterte Holz und schepperte Metall. Die Menge schien kurz den Atem anzuhalten und Martha sah, wie auch ihre Mutter das Geschehen mit großen Augen und offenem Mund beobachtete. Dann schlug sich die Frau die Hand vor den Mund. Aus der Faszination wurde blankes Entsetzen. Tränen stiegen ihr in die Augen. Nach einem kurzen Moment schien sie sich gefangen zu haben und schaute sich um. Als sie Martha vor sich erblickte, schien sie erleichtert und drückte ihre Tochter fest an sich. „Schau da nicht hin, Liebes“, murmelte sie mit zitternder Stimme.

Etwas Schlimmes musste passiert sein, doch Martha traute sich nicht, zu fragen. In den Gesichtern der Menschen um sie herum erblickte sie ebenfalls Schrecken und Entsetzen. „Gott steh uns bei! Schrecklich! Furchtbar!“, klagte die Menge. Manche Menschen beteten leise, andere schirmten ebenfalls die Blicke ihrer Kinder ab. Viele trösteten sich gegenseitig. Frauen weinten, Männer versuchten, stark zu bleiben.

Langsam machten sich die Schmieds auf den Weg nach Hause. Keiner von ihnen blickte zurück.

Abends saß die Familie am Küchentisch und aß Brot mit Schmalz. Die Eltern erzählten Martha schließlich, was passiert war. Das Mädchen hört auf zu kauen und blickte die beiden Erwachsenen an.

„Der Herzog ist tot?“, fragte sie. „Vom Pferd gefallen und gestorben?“

Die Eltern nickten.

„Weil das Pferd die Lanze in den Kopf bekommen hat? Und dabei ist auch noch ein Hufeisen in der Erde stecken geblieben?“

Wieder stummes Nicken.

„Ja, wer soll das denn glauben?!“

ENDE

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