Die Nacht der fliegenden Lümmeltüten (4:30)

„Ja, ja, jaaaaa!“ – Damit fing damals alles an. Mit einem benutzten Kondom auf unserem Balkon hörte es auf. Was dazwischen passierte, ist ein bisschen widerwärtig, aber auch ein bisschen lustig.

Es war ein warmer Sommertag und wir wohnten damals noch in unserer ersten gemeinsamen Wohnung. Sie war eigentlich ganz schön, befand sich allerdings in einer nicht so schönen Gegend in einem ebenso mittelschönen Wohnblock. Unter unseren Nachbarn befanden sich zwar auch friedliche Rentner und junge Familien, leider aber auch ein paar sozial nicht ganz so kompatible Leute. Und zwei von denen wohnten direkt über uns.

Das Pärchen hatte mit guten Manieren offenbar nicht viel am Hut. In regelmäßigen Abständen hörten wir, wie leere Flaschen umfielen und die Musik aufgedreht wurde. Eines Nachts wurden wir von Nenas größten Hits geweckt, die gleichzeitig aus den Lautsprechern und aus dem Hals der Nachbarin schallten. Kurz darauf machten wir Bekanntschaft mit einer roten Unterhose, denn das war das einzige, was ihr Lebensgefährte trug, als er uns auf unser energisches Klopfen hin die Tür öffnete.

Trotz aller optischen und sozialen Defizite schienen die beiden sich zu mögen. Auch körperlich. Der besagte Sommertag war so warm, dass man auch abends noch mit weit geöffneter Balkontür vor dem Fernseher sitzen konnte. Die beiden über uns hatten sich an diesem Tag allerdings für eine andere Aktivität entschieden.

Ob es das schöne Wetter oder weitere geleerte Flaschen waren, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, doch plötzlich wurde aus dem Gespräch über uns ein eindeutiges Stöhnen. Wenn sie doch wenigstens die Balkontür zugemacht hätten! Aber Fehlanzeige. So hörte es sich an, als würden die beiden direkt auf der Schwelle zwischen Wohnzimmer und Balkon ihren fleischlichen Gelüsten nachgehen. Wäre unsere Zimmerdecke durchsichtig gewesen – Es schüttelt mich heute noch bei dem Gedanken daran.

Nach einer durchaus durchschnittlichen Zeitspanne war der Akt beendet. Das Stöhnen verstummte. Von irgendwoher ertönte Applaus (kein Scherz!). Kurz darauf flog ein gebrauchtes Kondom auf unseren Balkon. Ich war geschockt.

Der Überzieher landete in einem unserer Blumenkästen. Als ich versuchte, ihn mit einem Zweig zu entfernen, konnte ich kaum den Brechreiz unterdrücken. Unter lauten Flüchen und Beschimpfungen prokelte ich das zerknitterte Latextütchen heraus und schleuderte es über die Brüstung ins Grüne. „Hast du etwas runtergeworfen? Also ich nicht“, hörte ich, wie sie oben zu ihm zu flüstern versuchte.

Nach dieser widerwärtigen Erfahrung ging der Abend glücklicherweise ruhig zu Ende. Die Geschichte war damit aber noch nicht beendet.

Ein paar Tage später frühstückten wir auf unserem Balkon. Es war erneut warm und schön und von vögelnden sozialen Randgruppen war weit und breit nichts zu hören.

„Pssst…“, hörten wir plötzlich. Dann: „Hallo! Entschuldigung?“

Vor dem Hauseingang gegenüber stand eine Frau und winkte uns zu. „Kann ich sie mal anrufen?“, fragte sie uns mit einer Mischung aus flüstern und rufen. „Es geht um…“, dann zeigte sie auf die Wohnung über uns. Wir gaben ihr unsere Nummer. Kurze Zeit später klingelte das Telefon und die Dame erzählte uns, was letztens wirklich passiert war.

Die Nachbarin habe von ihrer Wohnung gegenüber einen hervorragenden Blick auf das Geschehen über uns gehabt, berichtete sie. Als der Akt begann, habe sie mit ihrem Mann auf ihrem Balkon auf der von uns abgewandten Hausseite gesessen. Die Geräuschkulisse sei aber aufgrund der engen Bebauung so laut gewesen, dass sie alles mehr als deutlich hätten hören können. Die Frau habe dann in ihr Schlafzimmer gewechselt und das Geschehen mit Blick auf unseren Block weiter beobachtet.

Nach dem großen Finale sei es dann ihr Ehemann gewesen, der applaudierte. Die beiden Rammler über uns hätten allerdings gedacht, dass der Beifall von uns gekommen sei. Deswegen sei das Kondom bei uns gelandet.

Wir waren baff, bedankten uns bei der Nachbarin und legten wieder auf.

Von der Dame und ihrem Mann haben wir danach nie wieder etwas gehört. Von dem Pärchen über uns auch nicht, denn kurze Zeit später packten wir zusammen und zogen um. Unsere zweite Wohnung befand sich an einer stark befahrenen Bundesstraße gegenüber einer Disco. Diese Geräuschkulisse war weitaus angenehmer als die poppenden Nena-Fans.

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