Warum ich über meinen Krebs schreibe

Warum schreibe ich über meinen Krebs? Und warum schreiben viele andere nicht auch über ihren Krebs? Dass ich über meinen Krebs schreiben werde, war mir damals ziemlich schnell klar. Doch über die Gründe dafür habe ich erst in der Vorbereitung auf die YES!CON nachgedacht, Deutschlands erste digitale Krebs-Convention, an der ich am 26. und 27. September 2020 teilnehmen werde. Und bei näherem Hinsehen gibt es viele gute Gründe, um über seinen Krebs zu schreiben. Hier sind meine:

Erster Gedanke: Ich muss über den Krebs schreiben

Dass ich über meinen Krebs schreiben werde, war von Anfang an klar. Ich glaube, es war sogar noch am Tag der Diagnose selbst. Da saß ich nachmittags zu Hause auf dem Sofa, den Kopf voller Chaos, noch völlig aufgewühlt von der Schreckensnachricht. Was im Fernsehen lief, weiß ich nicht mehr. Da habe ich mir vorgenommen: „Daraus muss ich etwas machen.“

Am Anfang war es eine Trotzreaktion, eine Übersprungshandlung. Vielleicht auch Selbstschutz, um einen Rest Normalität aufrecht zu erhalten. Eine Perspektive schaffen. „Wenn mir so etwas passiert, dann muss ich daraus doch etwas machen!“

In der Folge versuchte ich, die ganze Sache auch mal objektiv zu betrachten. Wie ein Journalist, der für eine Reportage recherchiert. Der seine Komfortzone verlässt und mitten rein geht, dorthin, wo es weh tut. Der den Mut findet, es durchzuziehen, denn er will ja darüber schreiben. Und realistisch kann man etwas nur schildern, wenn man es hautnah miterlebt hat. So schreibt man eine gute Reportage. So hatte ich das mal gelernt.

Reportagen hatte ich immer gerne geschrieben. Für die Zeitung damals. Dieses Vorgehen half mir jetzt weiter. Auch um etwas Abstand von der Horrordiagnose zu bekommen. Das Erlebte einfach aufsaugen und aufschreiben. Die dritte OP, die vergleichsweise harmloseste von allen, habe ich sogar etwas genossen. Ich wusste irgendwie, dass ich danach erst einmal Ruhe haben werde. Den Moment, als ich im OP-Saal lag und die Betäubung langsam anfing zu wirken, werde ich nie vergessen. Und genau darüber habe ich anschließend auch geschrieben. (siehe: Schlafen Sie schön)

Aufklären, damit es anderen nicht so ergeht wie mir

Zwei Jahre (!) vor der Krebsdiagnose befand ich mich bereits in urologischer Behandlung, weil ich wusste, dass da untenrum irgendwas nicht stimmte. Immer wieder hatte ich in der späteren Krisenregion im Intimbereich mit Entzündungen zu kämpfen. Die Ärzte bestätigten, dass etwas nicht stimmte, nahmen das Wort „Krebs“ aber zu keiner Zeit in den Mund. Ich hatte lange Zeit keine Ahnung, dass es so etwas wie Peniskrebs überhaupt gibt. Mir wurden Salben und Kamillenbäder verschrieben. Und wir sprachen auch mal über eine OP. Allerdings ohne Nachdruck. Wenn mir die Möglichkeit einer Peniskrebserkrankung eröffnet worden wäre, hätte ich darauf vielleicht anders reagiert. In meinem Fall war die Vorsicht fehl am Platz. Erst nach dem Wechsel in eine Uniklinik wurden die Worte deutlicher. „Wir müssen einfach ausschließen, dass es Krebs ist“. Mit diesen Worten wurde die Biopsie begründet. Ausgeschlossen werden konnte der Krebs bekanntermaßen nicht, doch endlich hatte ich Klarheit und befand mich medizinisch auf dem richtigen Weg.

So habe ich leider schlechte Erfahrungen mit meinen ersten Besuchen beim Urologen gemacht. Es heißt ja immer, dass einem der Besuch beim Urologen nicht peinlich sein sollte, nicht unangenehm. In meinem Fall hat der Verlauf nicht dazu beigetragen, dass Vorurteile gegenüber dem Besuch beim Urologen abgebaut wurden. Ich bin hoffentlich ein Einzelfall! Dennoch kann ich nur jedem in einer ähnlichen Situation raten, im Zweifel den Arzt zu wechseln, gerne auch zu einem in der nächstgrößeren Stadt. Das hat mir jedenfalls sehr geholfen.

Womöglich hätte mir zwei Jahre vor der Diagnose eine simple Vorhautentfernung gereicht, um Schlimmeres abzuwenden. Doch mit dem damaligen Informationsstand konnte ich das unmöglich beurteilen. Und die Ärzte offensichtlich auch nicht. Ich mache niemandem einen Vorwurf. Außer mir vielleicht. Hätte ich mich eher an die besagte Uniklinik gewandt, wäre es vielleicht niemals zum Krebs gekommen.

Mein Appell: nicht zögern und ab zum Urologen, gerne auch zu einem zweiten oder dritten, wenn ihr euch nicht ausreichend gut behandelt fühlt.

Anderen Krebspatienten Mut machen

Ein Leben mit und nach Krebs ist möglich! Und manchmal ist alles gar nicht so schlimm, wie es im ersten Moment scheint. Am Tag meiner Krebsdiagnose, noch im Behandlungszimmer der Uniklinik, hatte ich die schlimmsten Horrorvisionen im Kopf: Ich werde meinen Penis verlieren! Ich werde nie wieder richtig pinkeln können! Ich werde nie wieder Sex haben! Ich werde nie Kinder haben!

Das alles ist nicht eingetreten. Ich habe noch einen Penis, kann im Stehen pinkeln, wenn auch anders, und selbst das mit dem Kinderkriegen hat geklappt. Am Ende ist also vieles gut. Vieles, nicht alles. Und der Weg bis hierhin war lang und mühsam. Doch er hat sich gelohnt. Und ich bin den Umständen entsprechend mehr als zufrieden mit dem Ergebnis.

Es geht so vieles, wenn man plötzlich vor scharfen Lebenseinschnitten steht. Positives Denken ist im ersten Moment eine lieb gemeinte Floskel, doch im Kern geht es genau darum: Nicht aufgeben. An das Gute glauben. An ein Happy End glauben. Ziele setzen. Nach vorn schauen.

Das Ziel, über den Krebs zu schreiben, habe ich bereits erwähnt. Dieses Ziel erreiche ich jedes Mal, wenn ich einen neuen Beitrag dazu veröffentliche. Und es gibt noch so viele weitere Aspekte, über die ich in diesem Zusammenhang schreiben kann und werde.

Ein weiteres wichtiges Ziel ist die Rückkehr zu alter körperlicher Stärke. Ich persönlich habe das direkt mit einem weiteren Ziel verknüpft: dem Laufen eines Halbmarathons.

Sport ist schon immer ein wichtiger Bestandteil in meinem Leben gewesen. Den ersten Sport nach dem Krebs machte ich im Januar, drei Monate nach der Entlassung aus dem Krankenhaus, mit vorsichtigen 6.000 Metern auf dem Ruderergometer. Danach ging ich ziemlich bald wieder zum Laufen über. Erst ein paar vorsichtige Runden um den Block, dann in der Reha langsam immer mehr. Schließlich fünf Kilometer beim ersten Wettkampf im März. Dann zehn Kilometer bei einem Wettkampf im Juni. Und immer so weiter. Einfach probieren, was geht. Das war auch der Ratschlag der Ärzte gewesen.

Dann kam 2019. Ich hatte viel Zeit, die ich ins Laufen investieren konnte. Und so lief ich immer weiter und absolvierte schließlich im Oktober, drei Jahre nach dem Krebs, meinen ersten Halbmarathon. Ich trug dabei ein T-Shirt mit der Aufschrift „FCK CNCR“. Scheiß auf den Krebs. So ungefähr. Dies war mein Lauf gegen den Krebs. Und ich schaffte ihn. Jetzt will ich natürlich mehr. Der ganze Marathon wird auch irgendwann kommen.

Und genau das möchte ich allen zeigen, die vielleicht denken, dass das Leben nach einer Krebsdiagnose vorbei ist. Gerade jungen Menschen, die eigentlich ganz andere Ziele haben, als Krebspatient zu werden. Es ist hinterher noch so vieles möglich. Viel mehr, als man sich vorher vorstellen konnte.

Mit meiner Krebsgeschichte Vorbild sein

Als Krebsblogger und Patientenblogger möchte ich Vorbild und Sprachrohr für andere Krebspatienten sein. Viele Menschen erleben ähnliches und wissen im ersten Moment nicht, was sie machen sollen. Das lese ich immer wieder in den zahlreichen Zuschriften, die mich erreichen. Gerade bei einer so seltenen Krankheit wie dem Peniskrebs gibt es noch nicht so viele Informationen und Ratgeber wie bei anderen Krebserkrankungen. Das mag daran liegen, dass sich die erwähnte Krisenregion dieser Krankheit im absoluten Intimbereich des Mannes befindet. Und dieser wird bei negativen Erfahrungen eher tabuisiert. Nur wenige Menschen sprechen offen über Potenzprobleme, Unfruchtbarkeit oder Fehlbildungen.

Dazu kommt, dass Peniskrebs statistisch gesehen nicht nur sehr selten auftritt, sondern wenn, dann auch ausgerechnet hauptsächlich bei älteren Männern. Gerne jenseits des Renteneintrittsalters. Und in dieser Generation ist die Datenlage bezüglich des intimen Wohlbefindens sehr spärlich bis gar nicht vorhanden. Aus diesem Grund gibt es aktuell nur wenige belastbare Aussagen, wenn es um die Heilungschancen oder langfristige Rückerlangung der vollen Funktionsfähigkeit des Geschlechtsteils geht. Die meisten Patienten sind schlichtweg zu alt, um an ihnen eine langjährige Nachsorge vornehmen zu können. Deswegen gibt es bei Peniskrebs auch noch keine so engmaschige Nachsorge wie bei anderen Krebsarten. Es fehlt an Erfahrung und an Daten. Und wenn meine Geschichte etwas daran ändert, dann bin ich sehr gerne bereit, sie aufzuschreiben und zu teilen.

Ich freue mich, wenn andere Krebspatienten meine Geschichte hilfreich finden, um ihre eigene Krankheitsphase zu bewältigen. Das muss nicht unbedingt Peniskrebs sein. Viele andere Krankheiten sind auch selten und kritisch.

Ich bin ausgebildeter Journalist und habe lange vor dem Krebs mit dem Bloggen begonnen. Wer, wenn nicht jemand wie ich, sollte darüber schreiben? Und so schreibe ich auch für all diejenigen, die es selbst nicht können. Mir persönlich hat es sehr geholfen, meine Erlebnisse rund um den Krebs aufzuschreiben. Und wenn ich anderen ebenfalls damit helfen kann, dann freue ich mich. Dadurch habe ich das Gefühl, mit meiner Geschichte etwas Sinnvolles angestellt zu haben.

4 Gedanken zu „Warum ich über meinen Krebs schreibe

  1. Ich denke, Schreiben hilft, die Gedanken zu sortieren, das Karussell im Kopf zu stoppen und Dinge klarer zu sehen. Das du es so öffentlich machst, ist mutig und eine Riesenhilfe für Betroffene. Für (noch) Unbeteiligte gibt es Einblicke in das wahre Leben und zeigt wieder, was wirklich wichtig ist im Leben. Danke dafür. LG Undine

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