Bewerbung mit Behindertenausweis (8:00)

Mit der Möglichkeit, einen Schwerbehindertenausweis zu beantragen, habe ich mich konkret während meiner Reha befasst. Dass ich durch meine Krebserfahrung dafür in Frage kommen würde, wusste ich zu dem Zeitpunkt bereits, doch weitere Einzelheiten waren mir nicht bekannt. So kam mir die unverbindliche Informationsveranstaltung zu diesem Thema in meiner Reha-Klinik gerade recht.

Die meisten Teilnehmer der Runde interessierten sich nur dafür, welchen Behinderungsgrad sie bekommen würden oder welche Ermäßigungen damit verbunden seien. Ich dagegen stellte die Frage in den Raum, ob ich mit dem Ausweis mit Nachteilen auf dem Arbeitsmarkt zu rechnen hätte. Die Dozentin schüttelte daraufhin den Kopf und antwortete: „Eigentlich nicht“. Grundsätzlich sei man nicht verpflichtet, den Besitz des Schwerbehindertenausweises anzugeben. Wer gegenüber dem Arbeitgeber zusätzliche Rechte, z.B. eine höhere Anzahl an Urlaubstagen, geltend machen möchte, der käme um einen offenen Umgang allerdings nicht herum. Und Diskriminierung in diesem Bereich sei ohnehin verboten. Klar.

Nach der Inforunde beschloss ich, die Sache einfach mal auf mich zukommen zu lassen. Ich schnappte mir ein Antragsformular und verließ den Raum.

Ein paar Wochen später lag mein Schwerbehindertenausweis im Briefkasten. Der offene Umgang damit war für mich selbstverständlich und da ich mich zu dem Zeitpunkt bereits in einem festen Arbeitsverhältnis befand, war auch die Geltendmachung meiner damit verbunden Zusatzrechte kein Problem. Diskriminierung habe ich bei meinem damaligen Arbeitgeber nicht erfahren.

Schwerbehindertenausweis bei der Bewerbung verschweigen: Ja oder nein?

Etwas schwieriger wurde es, als mein festes Arbeitsverhältnis schließlich endete. Die Firma wurde verkauft und wenig später aufgelöst. Beim neuen Eigentümer wollte keiner bleiben, also trennten wir uns in beiderseitigem Einverständnis. Komplizierte Geschichte, bisschen traurig, aber alles gut.

Dem Arbeitsmarkt zugewandt musste ich mich nun nach einem neuen Job umsehen. Bei der Arbeitsagentur bekam ich eine Vermittlerin zugeteilt, die nicht nur für Akademiker, sondern auch für Schwerbehinderte zuständig war. Und wieder hatte ich die gleichen Fragen: „Habe ich durch den Ausweis irgendwelche Nachteile? Wie gehe ich in der Bewerbungsphase damit um?“

Die Arbeitsvermittlerin riet mir zu folgendem Vorgehen: Solange in der Stellenanzeige kein Absatz über Bewerber mit Behinderung zu finden war, sollte ich meinen Ausweis im Bewerbungsanschreiben ebenfalls nicht erwähnen. Sollte es anschließend zum Bewerbungsgespräch kommen, wäre dieser Vorstellungstermin der geeignete Zeitpunkt, um darüber zu reden. Nur wenn in der Stellenausschreibung auf schwerbehinderte Bewerber eingegangen werden würde, böte es sich an, diesen Umstand im Anschreiben zu erwähnen.

An diesen Ratschlag habe ich mich anschließend gehalten – und unterschiedliche Erfahrungen gemacht.

Zu Beginn meiner Jobsuche war ich etwas verunsichert, wie und wann und überhaupt ich den Schwerbehindertenausweis im Bewerbungsgespräch erwähnen sollte. An den ersten Termin, bei dem es dazu kam, kann ich mich noch gut erinnern. Die Atmosphäre war ziemlich ernst und die vierköpfige Jury stellte mir detaillierte, Fachwissen voraussetzende Fragen. Vor allem der strenge Geschäftsführer schien mit meinen Antworten alles anderes als zufrieden zu sein. Ob ich noch Fragen hätte, wurde ich zum Ende hin gefragt. Ich verneinte, kündigte jedoch an, dass die Jury über mich noch etwas wissen müsse. Bei der Erwähnung meines Schwerbehindertenausweises und den Gründen dafür hatte ich einen Kloß im Hals. Das war schwerer, als ich vorher gedacht hatte. Überraschung und Betroffenheit machten sich auf den Gesichtern meiner Gegenüber breit. Der Geschäftsführer schüttelte energisch den Kopf und sagte: „Aber das spielt bei uns doch gar keine Rolle.“

Ich wurde nett verabschiedet und hinausbegleitet. Kurze Zeit später bekam ich eine Absage, aber das war ok. In einer solch strengen Atmosphäre hätte ich mich nicht wohl gefühlt.

Absagegrund Schwerbehindertenausweis?

Die nächsten Bewerbungsgespräche verliefen ähnlich. Wir sprachen über Aufgaben und Anforderungen, Urlaubstage und Gehalt und irgendwann auch über den Schwerbehindertenausweis. Und oftmals bekam ich kurze Zeit später eine Absage. Ob mein Status als Schwerbehinderter dabei in irgendeiner Form eine Rolle gespielt hat, kann ich nicht sagen. Aber man macht sich irgendwann natürlich so seine Gedanken. In manchen Fällen war mir schon während des Gesprächs klar geworden, dass dieser Job eigentlich nicht zu mir passte. In anderen Fällen war mir eine spürbare Reaktion auf meine realistisch formulierte Gehaltsvorstellung aufgefallen. Oft war ich weder überrascht noch enttäuscht von der Absage. Andererseits hätte ich mich im Falle einer Zusage auch oftmals auf einen Job eingelassen. Aber dazu sollte es lange nicht kommen.

Irgendwann überlegte ich, ob ich meine Strategie ändern sollte. Ob ich den Ausweis auch im Bewerbungsgespräch verschweigen und ihn erst nach erfolgter Zusage erwähnen sollte. So nach dem Motto: „Ach übrigens… ganz vergessen… hatte ich das eigentlich erwähnt?“ Absagen konnten die dann ja immer noch, dachte ich. Spätestens in der Probezeit.

Ein einziges Mal habe ich diese Strategie ausprobiert und den Ausweis im Gespräch verschwiegen. Die Absage kam trotzdem. Pustekuchen. Vielleicht spielte das doch keine Rolle?

Toll fand ich diejenigen Arbeitgeber, die sich auf mich als Bewerber richtig gut vorbereitet hatten. In einem dieser Vorstellungsgespräche rannte ich mit der Erwähnung meines Behindertenstatus offene Türen ein. „Das wissen wir schon“, sagte der Abteilungsleiter freundlich lächelnd. „Wir haben Ihren Blog gelesen.“ Das brachte mich kurz aus dem Konzept, passte aber zu der insgesamt sehr sympathischen Atmosphäre. Ich wurde kurz darauf sogar noch einmal angerufen, um die Nachricht zu empfangen, dass bisher noch nichts entschieden sei. Der Eindruck von der überaus freundlichen Kommunikation trübte sich danach allerdings immer mehr ein, denn nach diesem Telefonat hörte ich nie wieder was von dem Arbeitgeber.

Neue Strategien im Vorstellungsgespräch

Je länger meine Bewerbungsphase dauerte, desto freundlicher wurden auch die Gespräche. Vielleicht lag das auch an einem Coaching, dem ich mich zwischenzeitlich unterzogen hatte und in dem neben den schriftlichen Bewerbungsunterlagen auch die möglichen Strategien in einem Vorstellungsgespräch zur Sprache kamen. Und offensichtlich hatte es dabei in den vergangen Jahren ein paar Neuerungen gegeben, die an mir vorbeigegangen waren. Wir besprachen beispielsweise den Einsatz eines Flipcharts oder das Verteilen eines Handouts an alle Beteiligten. Das war mir bis dahin gänzlich unbekannt und wenn ich so zurückdenke, hätte ich diese Mittel durchaus auch hier und da einsetzen können. Das Vorhandensein eines Schwerbehindertenausweises war vielleicht doch nicht so ausschlaggebend.

Mit aufgefrischten Bewerbungsstrategien wandte ich mich wieder dem Arbeitsmarkt zu. Und siehe da: Plötzlich klappte es! Ob es an meinen überarbeiteten Unterlagen gelegen hatte oder ob ich mittlerweile eine gewisse Lockerheit versprühte, kann ich nicht sagen. Die Erwähnung meines Ausweises ging mir immer flüssiger über die Lippen. Zuletzt wurde ich sogar überschwänglich für meine Ehrlichkeit gelobt und erntete dafür offenbar Pluspunkte. Ich bekam sogar ein Angebot (!), das ich allerdings zurückweisen musste, weil ich noch ein zweites und besseres Angebot (!!) vorliegen hatte. Auf einmal flutschte es.

Und da stehe ich nun. Angestellt trotz Schwerbehindertenausweises. Oder vielleicht sogar deswegen. Ein paar neue Kollegen kennen auch meinen Blog schon und damit meine Geschichte. Sie scheinen Internet zu haben.

Für jeden Schwerbehinderten gibt es den passenden Deckel.

8 Gedanken zu „Bewerbung mit Behindertenausweis (8:00)

  1. Lieber Stefan, ich bin nicht schwerbehindert, aber deine Jobsuche erinnert mich an meine. Ich war in einem ungekündigtem Arbeitsverhältnis und wollte mich verändern. Trotz guter Ausbildung, Erfahrungen in einem internationalen Unternehmen und frohen Mutes wollte mich keiner. Meine „Schwerbehinderung“ war meiner Meinung nach das Alter. Da gab es leider kaum die Möglichkeit, es zu verschweigen. Ich suchte lange und habe aber auch selber abgesagt. Letztendlich hat es geklappt, weil ich dort hin passe. Wenn du DEINEN Job gefunden hast oder der Job DICH, ist der Rest Nebensache. LG Undine

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  2. Aus meiner eigenen Erfahrung – aus der ich mich sonst scheue, ein Weltbild abzuleiten, aber in diesem Fall deckt sie sich mit der Erfahrung vieler anderer Menschen – ist die Existenz eines Schwerbehindertenausweises umso weniger ein Thema, je weniger man den Bewerbern die dem Ausweis zugrunde liegende Behinderung „ansieht“.

    So fällt der Grund für der Ausweis im vorliegenden Fall erst mal nicht auf und ist daher wohl weniger Thema. Wenn man aber meinetwegen eine Gehbehinderung hat, stellt sich spätestens beim Vorstellungsgespräch die Frage nach Verschweigen oder nicht nicht mehr und erfahrungsgemäß sinkt die Begeisterung beim Gegenüber mit Betreten des Raumes meinerseits teilweise deutlich.

    Ich selbst würde das übrigens ähnlich sehen wie die Arbeitsvermittlerin: Je kleiner der Betrieb ist, desto besser ist es, zumindest in der Bewerbung selbst eine Schwerbehinderung zu verschweigen. Tut man das nicht und geht man offen damit um, gibt vielleicht sogar noch einen GdB von 100 an, was dem unkundigen potentiellen Arbeitgeber möglicherweise vermittelt, man sei gerade so eben noch lebensfähig, dann bekommt man erfahrungsgemäß deutlich weniger Bewerbungsgespräche, als wenn man diesen Umstand einfach verschweigt und die zukünftigen Arbeitgeber beim Bewerbungsgespräch vor vollendete Tatsachen stellt.

    Insgesamt tue ich mich schwer mit der These, dass es für jeden Schwerbehinderten einen (mit Blick auf den Arbeitsmarkt gesehen) Deckel gibt. Dafür sind wir in Sachen Inklusion noch nicht weit genug, dafür gehört das System Förderschule abgeschafft, dafür muss das Prinzip der Eingliederungshilfen erweitert werden.

    Auch die Zahlen widersprechen der These: Wenn man sich mal die Zahlen von 2017 ansieht – neuere waren auf die Schnelle nicht zu finden – dann bemerkt man, dass die Erwerbsquote der Nichtbehinderten bei 78,2 % liegt, die der Behinderten bei gerade mal 49,0 %. Ein nicht unerheblicher Teil der Betriebe zahlt weiterhin lieber die lächerlich niedrige Ausgleichsabgabe, anstatt behinderte Mitarbeiter einzustellen.

    Ich fürchte leider, dass sich das auch in naher Zukunft nicht ändern wird. Dinge, wie das Bundesteilhabegesetz oder das geplante Gesetz zur Unterbringung von Beatmungspatienten in Heimen, für das sich Herr Spahn feiern ließ, wie Berlins Gottkönig, deuten jedenfalls für mich darauf hin, dass es der Politik weniger darum geht, wie man behinderten Menschen ein selbstbestimmtes und selbstfinanziertes Leben ermöglichen kann, sonderen eher darum, wie man die Kosten, die diese Menschen verursachen, möglichst minimieren kann.

    Es gibt also aus meinerseits sicherlich nicht für jeden Schwerbehinderten einen Deckel, sondern nur für die, deren Einschränkung vergleichsweise gering ist.

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    1. Danke für diesen langen und aufschlussreichen Kommentar! Zugegeben: Zahlen habe ich für meinen Beitrag nicht bemüht. Ich möchte lediglich meine subjektiven Erfahrungen teilen und vielleicht eine etwas positivere Grundstimmung zu diesem Thema vermitteln. In anderen Kreisen habe ich großen Pessimismus erfahren und immer wieder zu hören bekommen, dass man sich mit der Bekanntgabe seiner Behinderung selbst ein Bein stellt. Das sehe ich anders. Trotz gemischter Erfahrungen. Ich habe in vielen Bereichen positive Rückmeldungen bekommen, gerade im öffentlichen Bereich. Bewerber mit Behinderung sollten sich nicht entmutigen lassen.

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      1. Ich musste in langer Version antworten, sich kurz zu fassen, widerspricht meiner Persönlichkeit. Frei nach einem aktuellen Bremer Fußballtrainer könnte ich auch sagen: „Ich hätte mich auch kurz gefasst, ich weiß nur leider nicht, wie das geht.“ ;-)

        Insbesondere bei diesem Thema neige ich dazu, öfter mal auszuschweifen.

        Das Verbreiten einer positiven Grundstimmung weiß ich zu schätzen, das birgt aber die Gefahr, dass Missstände, die zweifelsohne weiter bestehen, verharmlost oder als nicht so wichtig angesehen werden, wenn selbst „Betroffene“ sagen: „Ach, basst scho!“ Ich habe in den vergangenen Jahrzehnten ohnehin die Erfahrung gemacht, dass die Nichtbehinderten eher die Meinung vertreten, dass „wir“ Behinderten doch eigentlich ganz zufrieden sein sollen, wir haben doch alles und abseits davon sollen wir den anderen bitte nicht auf den Geist gehen. Daher ist mein Ansatz eher, Dinge anzusprechen, die meiner Meinung nach nicht optimal funktionieren. Wobei – „optimal“ muss es gar nicht sein, nur funktionieren sollte es. Und das tut es Stand heute leider immer noch nicht so, wie man sich das eigentlich vorstellen könnte, wenn doch angeblich gilt: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.“ Vielleicht spricht aus mir auch nur die Verbitterung, wer weiß das schon so genau. ;-)

        Ich gebe Dir aber recht, was den öffentlichen Bereich und die Entmutigung der Behinderten angeht. Im öffentlichen Bereich findet man öfter den Zusatz, dass „Behinderte bei gleicher Qualifikation“ bevorzugt werden, in der freien Wirtschaft aber oft leider nicht. Entmutigen lassen sollte man sich aber in der Tat nicht, selbst die Politik häufig alles dafür tut. Und gelegentlich, ja, gelegentlich kann man dann auch mal eine positivere Grundstimmung verbreiten.

        So, nu is´ aber gut. ;-)

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