Mein schönstes Bewerbungsgespräch (6:00)

Eine breite Autobahn führte mich vor einigen Jahren erneut in eine norddeutsche Großstadt, so ähnlich wie bei meinem zuvor geschilderten schlimmsten Vorstellungsgespräch. Der Weg führte mich ins Zentrum der Innenstadt. Ich stellte mein Auto in einem Parkhaus ab und ging die restlichen Meter zu Fuß.

Die Redaktion des Radiosenders, bei dem ich mich als Reporter beworben hatte, lag im zweiten Stock eines alten Kontorhauses. Am Empfang wurde ich freundlich lächelnd begrüßt. Ich nahm Platz auf einem Sessel in einer Sitzgruppe, in der bereits weitere Bewerber warteten. Mir gegenüber hing ein Plasmabildschirm an der Wand, auf dem zu lesen war: „Wir heißen unsere heutigen Gäste willkommen.“ Dazu erschien eine Reihe von Namen, darunter auch meiner.

Nachdem alle Bewerber eingetroffen waren, wurden wir in einen Konferenzraum geführt und offiziell begrüßt. Die Jury bestand aus drei Personen, die uns den Ablauf dieses Assessment Centers erklärten. Seitdem mir mitgeteilt worden war, dass ich an diesem Bewerbungsverfahren teilnehmen würde, hatte ich mich auf diesen Tag gefreut. Ich war etwas aufgeregt, aber auch gespannt, denn ein richtiges Assessment Center hatte ich bisher noch nicht absolvieren dürfen.

Die Jury hatte sich mehrere Stationen ausgedacht, die von den Bewerbern nacheinander durchlaufen werden sollten. Jeder Teilnehmer begann mit einer anderen Aufgabe, sodass alle Stationen stets besetzt waren.

Für mich begann der Tag mit einem klassischen Vorstellungsgespräch. Ich saß dem Geschäftsführer sowie dem Abteilungsleiter gegenüber und plauderte über gestern, heute und morgen.

Anschließend begab ich mich in eine Sprecherbox. Dort musste ich einen vorgegebenen Text einsprechen und die Aufnahme anschließend schneiden und abspeichern.

Die nächste Aufgabe bestand aus einem schriftlichen Test, mit dem mein Wissensstand in Sachen Allgemeinbildung erfasst werden sollte. Ich liebe solche Fragebögen, mit denen ein breites Wissensspektrum abgefragt wird. Ich mag es, wenn ich bei den Fragen bis in die hinterletzten Ecken meines Gehirns vordringen muss, weil ich mir sicher bin, die Antwort zu kennen. Weil ich weiß, dass ich das schon mal irgendwo gelesen habe. Oder weil ich mir die Antwort durch das Verknüpfen anderer Fakten und Wissenselemente herleiten kann. Es ist wie das herumtüfteln an einem Kreuzworträtsel. Wissen ist nicht nur die Abfrage von Fakten, sondern manchmal auch Kombinationsgabe, Logik und Wahrscheinlichkeit. Und natürlich auch Glück. Und so vergnügte ich mich einige Zeit mit grundverschiedenen Fragestellungen aus Politik, Geografie und Sport. Zudem ließ ich mir Bildunterschriften zu Pressefotos ohne weiteren Hinweis einfallen und musste die Tochter von Katie Holmes und Tom Cruise identifizieren.

Was dann folgte, war der emotionale und kreative Höhepunkt dieses Bewerbungsverfahrens. Ein Mitglied der Jury nahm mich in Empfang und erklärte mir mit einem feierlichen Unterton die Aufgabe. Ein Interview müsse geführt werden, und zwar nicht mit irgendwem, sondern mit einem Superstar, der erst am Vormittag ganz spontan bekannt gegeben hätte, am Abend ein Konzert in der Stadt geben zu wollen.

Ich wurde über den Flur zu einem kleinen Studio geführt. Das Jurymitglied öffnete die Tür mit den Worten: „Und hier ist dein Interviewpartner: Robbie Williams!“

Zack, das saß! Tür wieder zu und ich war allein im Studio mit meinem Interviewpartner. Der sah aber irgendwie gar nicht so aus wie Robbie Williams. Eher wie einer der Praktikanten, die ich vorhin am Schreibtisch sitzen gesehen hatte.

Während ich noch stutzte, ergriff er das Wort und sagte: „Hey, how’re you doing? It’s nice to be here!“

Ich schaltete endlich und sagte: „Hi Robbie, nice to meet you!“

Und so führte ich ein Interview mit „Robbie Williams“, aka. „Der englischsprachige Praktikant“. Ich setzte mich ihm gegenüber und weil ich aufgrund der Prüfungssituation hinter jeder Ecke eine Falle witterte, testete ich zunächst einmal, ob das Mikro, das bereits zwischen uns stand, überhaupt eingeschaltet war. Bei einem realen Interview hätte ich mich schließlich auch komplett um die Technik kümmern müssen. Doch ich witterte unnötig, denn das Mikro war bereit und wir konnten starten.

„Robbie“ und ich führten ein wirklich tolles Interview über sein anstehendes Konzert, das neue Album und seine Fans. Irgendwann philosophierten wir über die Bedeutung von Kunst. Nach gut 15 Minuten fragte ich den Praktikanten, wie viel Zeit wir eigentlich hätten. Er zuckte mit den Schultern und meinte, es wäre wohl ok. Also verabschiedete ich mich von „Robbie“ und beendete die Aufnahme.

Zum Abschluss wurden alle Bewerber zusammengerufen, um vor den Augen der Jury eine Gruppendiskussion zu führen. Als Thema wurde uns „Was tun bei Hooligan-Gewalt in der Fußballbundesliga?“ vorgegeben. Ich beharrte die ganze Zeit auf meinem Standpunkt, dass die Vereine mit so genannten Geisterspielen vor leeren Rängen bestraft werden sollten.

Nach gut vier Stunden war das Assessment Center beendet und wir gingen alle wieder unserer Wege. Ich schlenderte zur Entspannung noch ein paar Minuten über den Weihnachtsmarkt und machte mich anschließend wieder auf den Weg nach Hause.

Nach diesem Bewerbungstag durfte ich sogar noch einen Schritt weitergehen und eine Woche zur Probe in der Redaktion arbeiten. Schließlich wurde mir sogar ein Job angeboten, allerdings nicht als Reporter, obwohl ich mich doch ausdrücklich so beworben hatte. Ich war etwas enttäuscht, dass wir in dieser Hinsicht offenbar nicht die gleiche Sprache gesprochen hatten. Ich wollte mich doch weiterentwickeln und so arbeiten, wie ich mir das vorstellte. Das Jobangebot hatte so gar nichts mit meinen Vorstellungen zu tun und so sagte ich nach einem Tag ausgehandelter Bedenkzeit schließlich ab.

Obwohl ich diesen Job am Ende nicht angenommen habe, so bleibt mir diese Art des Bewerbungsverfahrens positiv in Erinnerung. Ab und zu frage ich mich, was aus dem Robbie-Williams-Praktikanten geworden ist.

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