Das Vermächtnis meines Großvaters (6:15)

Ich sitze am Schreibtisch und habe plötzlich den Geruch von Lagerfeuer in der Nase. Ich habe soeben einen kleinen Karton geöffnet, in dem sich einige Dinge befinden, die früher einmal meinem Großvater gehörten. Sein Ausweis für den Reichssportbund zum Beispiel. In dem klebt noch ein Kinderfoto von ihm. Daneben seine akkurate Unterschrift aus dem Sommer 1937. Da war er fast 16 Jahre alt. Und natürlich viele Erinnerungen an seine Zeit im Zweiten Weltkrieg. Ein Abzeichen fällt mir in die Hände. Das muss er früher an der Uniform getragen haben. Es ist abgewetzt und steif. Ich drehe es in meinen Fingern und rieche daran. Da habe ich plötzlich den Geruch von Lagerfeuer in der Nase.

Ich sehe ein Feldlager vor mir, am Rande einer kleinen Wiese, im Schatten eines Wäldchens irgendwo an der Ostfront zwischen Kiew und der Krim. Es ist ein milder Sommermorgen im Jahr 1944. Zelte aus Stoffplanen in verblasstem Olivgrün bilden einen Halbkreis um eine Feuerstelle. Von den verkohlten Holzscheiten steigt nur noch eine kleine Rauchfahne in die Höhe. Im Hintergrund sind Fahrzeuge zur erkennen. Laster, Geländefahrzeuge, Motorräder. Auf einer Motorhaube wird ein Handtuch getrocknet. Weiter Richtung Horizont sind die Flugzeuge zu erkennen, Sturzkampfbomber, sogenannte Stukas. Die Start- und Landebahn ist nur eine staubige Piste. Vor einem Zelt stehen dreckige Stiefel. Es ist früh am Morgen und die Soldaten kriechen nur langsam aus ihren Schlafsäcken.

Mein Großvater, damals ein junger Kerl Anfang 20, tritt in Feldhose und Unterhemd vor sein Zelt und streckt sich. Er blinzelt in die Sonne, zündet sich eine Zigarette an, stemmt die Hände in die Hüfte und blickt sich nach seinen Kameraden um. Noch sind längst nicht alle auf den Beinen.

Die vergangenen Tage an der Front waren erträglich gewesen. Gestern Abend hatte die Truppe sogar Zeit für eine kleine Feier unter freiem Himmel. Es gab etwas deutsches Bier aus den eigenen Vorräten und jede Menge russischen Wodka, den sie sich vor kurzem im Nachbardorf organisiert hatten. Und der Kommandant hatte ein riesiges Spanferkel spendiert, das sich den ganzen Abend über dem offenen Feuer drehte. Der Geruch von krossem Fleisch hängt an diesem Morgen noch immer in der Luft.

Beim Blick in die Runde entdeckt mein Opa seine Feldjacke auf dem Boden neben dem Lagerfeuer. Da hat er sie beim Gelage gestern also vergessen. Sie riecht stark nach Rauch. Er klopft sie kurz ab und streift sie sich über. Zum Waschen ist erst nächste Woche wieder Gelegenheit.

Sie hatten gestern einen guten Grund zum Feiern. Einige von den jüngeren Kameraden wurden für ihren 200. Feindflug geehrt. Mein Großvater ist schon etwas länger dabei. Er hat bereits 400 Feindflüge auf seinem Konto. Als er dafür vor kurzem geehrt wurde, gab es ebenfalls ein großes Fest. Er musste vortreten und bekam als Geschenk eine handgeschriebene Ehrenurkunde in einer Mappe. Auch viele Bilder von seinen Einsätzen und seinen Kameraden befanden sich darin. Sie waren alle zu einer großen Fotoseite zusammengesetzt worden.

Auf diese Mappe hat mein Großvater sein Leben lang Acht gegeben. Niemals wollte er seine Erlebnisse im Krieg und die Kameraden aus jener Zeit vergessen.

Jetzt halte ich diese Mappe in meinen Händen und blättere darin. Vorsichtig, denn die Seiten sind brüchig und die Bindung löst sich langsam auf.

Doch so romantisch, wie die Bilder vor meinem geistigen Auge erscheinen, war der Krieg sicherlich nicht. Mein Großvater war Flieger in einem Jagdgeschwader, später in einer Nahaufklärergruppe. Wie es sein muss, im Krieg in einen Luftangriff zu gehen und sich in mehreren Kilometern Höhe ein Gefecht mit dem Feind zu liefern, kann ich mir kaum vorstellen.

Zwei Zeitungsausschnitte fallen mir entgegen, als ich in der Ehrenmappe eine Seite umblättere. Jetzt rieche ich 70 Jahre altes Papier und Druckerschwärze. Ich lese Berichte über die Erfolge des Jagdgeschwaders meines Großvaters. Und plötzlich höre ich das Kriegsgetöse. Die Buchstaben vor mir erzeugen klare Bilder in meinem Kopf.

Ich gehe zwei Jahre zurück ins Jahr 1942. Deutsche Truppen sind im Osten bis ans Schwarze Meer vorgerückt. Über dem Wasser bringt sich das Jagdgeschwader meines Großvaters in Formation, um die Soldaten am Boden zu unterstützen, die das Grenzgebiet zwischen der Ukraine und Russland unter ihre Kontrolle bringen wollen.

Dann wird der Angriffsbefehl auf die Stadt Noworossijsk erteilt.

Es ist unvorstellbar laut.

Motoren und Geschütze dröhnen um die Wette und Anweisungen werden geschrien. Funksprüche, Jubel, Schmerzensschreie. Immer wieder stürzen sich die Jagdflieger auf ihre Ziele am Boden, feuern ihre Munition ab, steigen auf und drehen ab, um sich auf den nächsten Angriff vorzubereiten. Ständig explodiert etwas und Trümmer fliegen durch die Gegend. Feuer und Metall. Adrenalin und Angst.

In dem Zeitungsartikel, den ich in der Hand halte, werden nur die Erfolge aufgezählt. Von wirkungsvollen Sturzangriffen ist die Rede, vom 2000. Feindflug des Geschwaders und vom 1000. Abschuss. Im zweiten Artikel wird ein Jahr später vom 5000. Einsatz geschrieben. 100 Kraftwagen und Boote, sechs Flugzeuge, zwei Panzerzüge und zwei Brücken der Gegner seien am 19. Mai 1943 zerstört worden.

Über die Verluste auf deutscher Seite wird kein einziges Wort verloren.

Heute ist klar, dass die Kämpfe an der Ostfront alles andere als ein Erfolg waren. Die deutsche Wehrmacht kam am Schwarzen Meer nicht weiter voran und musste sich 1943 geschlagen geben. Auf russischer Seite wurde Noworossijsk später als Heldenstadt bezeichnet.

Mein Großvater war offenbar ein guter Flieger. Er hat den Krieg überstanden und danach noch viele Jahre gelebt. Leider kann ich ihn heute nicht mehr fragen, wie es damals wirklich gewesen ist.

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2 Gedanken zu “Das Vermächtnis meines Großvaters (6:15)

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