Gestern Krebs, heute Marathon – Die Hölle von Flensburg

Flensburg zeigt sich bedeckt an diesem Sonntagmorgen Mitte Mai. Während ich um 7 Uhr im Hotel frühstücke, hängt noch der Hochnebel über der Stadt, doch die Sonne dahinter lässt sich bereits erahnen. Eineinhalb Stunden später schlendere ich durch die Fußgängerzone zum Südermarkt. Hier haben sich neben vielen Zuschauern rund 280 Läufer versammelt. Untermalt von Rockmusik und Moderation fiebern sie dem Start des Marathonlaufs entgegen. Für mich soll es der erste Marathon meines Lebens werden. Sechs Jahre nach dem Krebs.

Der Startschuss fällt um 9 Uhr und die Läufer setzen sich in Bewegung. Ich starte betont langsam und möchte es nicht zu früh überreizen. Ich habe keine Ahnung, wie mein Körper die 42,195 Kilometer verkraften wird. Zu Beginn behalte ich die beiden Pacemaker mit der anvisierten Zeit von 4:30 Stunden im Auge.

Es geht raus aus der Innenstadt Richtung Hafenspitze. Frau und Tochter stehen am Streckenrand und jubeln. Der Support ist am Start. Dann rechts an der Förde hoch, immer in Sichtweite zum Wasser. Über das Gelände der Kläranlage. Es stinkt, blubbert und zischt. Das soll mir später noch zum Verhängnis werden. Kurz darauf der Wendepunkt am Yachthafen und wieder zurück, diesmal direkt am Wasser. Vorbei an alten Hafenanlagen mit viel Kopfsteinpflaster zurück zur Hafenspitze. Hier stehen wieder Publikum und Familie.

Jetzt geht es kurz die andere Fördeseite hoch bis zum Wendepunkt am Nordertor. Kopfsteinpflaster und Schienen. Ein paar Meter an der Hauptstraße entlang, dann durch den Oluf-Samson-Gang zurück in die Innenstadt. Die absolute Herausforderung mit krasser Steigung und tiefem Kopfsteinpflaster. Jetzt nur noch geradeaus zurück zum Südermarkt. Die erste Runde ist geschafft. Drei liegen noch vor mir.

Kilometer 10,55

Ich bin weiter vorsichtig, doch mit meinem Tempo absolut zufrieden. Zu den 4:30er-Pacemakern halte ich weiter Anschluss und fühle mich gut. Die erste Runde war zum Kennenlernen. Jetzt heißt es konzentrieren und durchhalten. Und natürlich genießen und Spaß haben. Wetter und Stimmung sind gut.

Hinter meinen Pacemakern hat sich eine kleine Gruppe zusammengefunden. Man lernt sich kennen. Ich möchte mein eigenes Rennen laufen und mich nicht ablenken lassen und halte etwas Abstand. Auf der breiten Straße an der rechten Förderseite komme ich in einen guten Rhythmus. Mit der Querung über das Klärwerk komme ich allerdings nicht zurecht. Enge Kurven und schlechter Untergrund bringen mich aus dem Takt. Weiter oben am Yachthafen sitzen dann wieder mehr Leute an der Strecke und die Stimmung trägt mich weiter. Als Streckenposten steht hier eine junge Frau mit runder Brille.

„Nur noch zweimal musst du hier vorbei, ok?“

„Ok!“, sage ich.

Ich bin gut ins Rennen gekommen und versuche weiter, fokussiert zu bleiben. Der Weg zurück zur Hafenspitze verläuft häufig durch angenehmen Schatten. Sonne und Wärme nehmen langsam zu und der Durst wird stärker. Dann wieder Nordertor, Oluf-Samson-Gang und Durchlauf am Südermarkt.

„Stefan, Du schaffst das, das sehe ich!“, sagt der Moderator.

Stefan Kübler an der Hafenspitze in Flensburg bei seinem ersten Marathon.
Der erste Marathon meines Lebens in Flensburg. Ich sehe besser aus, als ich mich fühle.

Kilometer 21,1

Die Hälfte ist geschafft. Ich bin weiterhin fit und optimistisch, spüre jedoch die Strapazen der ersten 21 Kilometer. Weiter bin ich in einem Wettkampf noch nie gelaufen. Doch die Euphorie kommt immer wieder hoch. Ich laufe gerade meinen ersten Marathon!

Die dritte Runde wird entscheidend. Ich nehme etwas Tempo raus, weil ich merke, dass ich sonst nicht durchhalten werde. Am Verpflegungsstand schnappe ich mir Wasser und ein Stück Banane. Ich gehe ein paar Schritte, um sie zu essen. Als ich weiterlaufe, sticht mir kurz darauf ein Schmerz durch die Magengegend. Er verschwindet genauso schnell wieder, doch das wird dann wohl meine erste und letzte Banane auf der Strecke gewesen sein.

Ich werde jetzt oft überholt. Ein paar schnelle Marathonläufer überrunden mich. Dazu kommen die Halbmarathonläufer, die zwischendurch gestartet sind. Einer von ihnen läuft applaudierend an mir vorbei.

„Durchhalten!“, sagt er. Er hat sich offenbar mein T-Shirt durchgelesen.

An das Tempo der ersten beiden Runden komme ich nicht mehr ran. Meine Pacemaker lasse ich ziehen und mit ihnen den Läufer im roten und den anderen im gelben T-Shirt. Auch den Läufer komplett in Schwarz habe ich aus den Augen verloren. Aber wo ist der Däne? Und der Ältere mit dem St-Pauli-Shirt? Nach dem Wendepunkt kommen mir die Läufer hinter mir entgegen und ich kann eine Bestandaufnahme machen. Ich werde langsamer, doch bin noch zufrieden.

An der Hafenspitze nehme ich wie vereinbart die Verpflegung von meiner Frau entgegen. Sie macht fleißig Fotos, während meine Tochter fasziniert aus dem Kinderwagen zuschaut. So gehe ich auf die letzten 13 Kilometer.

Ich habe jetzt schon keinen Bock auf den nächsten Oluf. Der Wendepunkt am Nordertor wird zur Tortur. Mit schweren Beinen muss ich alte Schienen und rumpeliges Kopfsteinpflaster überwinden. Danach kurz erfrischen am Verpflegungsstand, bevor es durch die Sonne zum Oluf geht. Hier ist die Stimmung mittlerweile auf dem Höhepunkt. Streckenposten weisen den Weg und jubelnde Passanten treiben einen die schmale Straße hoch. Wie bei der Tour de France versuche ich, auf dem glatten Bordstein an der Seite laufend der Buckelpiste mit dem Kopfsteinpflaster zu entgehen. Oben geht es keuchend um die Kurve und dann wieder geradeaus durch die Fußgängerzone zum Südermarkt. Die Steigung in diese Richtung spüre ich auch immer deutlicher.

Ich passiere Kilometer 31. Ab jetzt ist alles Neuland. Weiter bin ich in meinem Leben noch nie gelaufen.

Kurz vor dem Durchlauf am Südermarkt nimmt die Stimmung wieder zu. Streckenposten und Moderator peitschen die Halbmarathonläufer ins Ziel.

„Da kommt Stefan!“, sagt der Moderator. „Er geht auf seine letzte Marathonrunde!“

Kilometer 31,65

Ich schnappe mir ein Wasser, laufe um die Kurve – und bin plötzlich ganz allein.

Die Stimmung bleibt auf dem Südermarkt zurück, während ich auf meine letzte Runde gehe. Meine Pacemaker sind lange aus meinem Blickfeld verschwunden und nur ganz entfernt kann ich den nächsten Läufer vor mir erkennen.

Ich laufe jetzt ganz alleine auf dem Fußweg. Nur die Streckenposten sind noch da und applaudieren. Manchmal erschrecke ich mich regelrecht. Auch die Familie jubelt noch.

Auf der Straße muss ich einem verirrten Auto ausweichen. Nun ja.

Am Verpflegungspunkt teste ich einen Schluck Cola. Der Magen kommt damit offenbar besser zurecht, doch ob es einen positiven Effekt gibt, kann ich nicht sagen.

Kurz darauf überhole ich José. Den alten Mann habe ich schon die ganze Zeit über im Blick. Er wird von allen angefeuert und nimmt sich an den Verpflegungsposten immer etwas Zeit. Später sollte ich erfahren, dass er 81 Jahre alt ist und bereits 300 Marathons hinter sich hat.

Dann werde ich wieder überholt.

„Ich habe dich gestern bei Instagram gesehen!“, sagt die junge Frau in Begleitung eines ebenso jungen Mannes.

„Danke!“, sage ich, während die beiden locker flockig an mit vorbeilaufen. „Viel Spaß noch!“

„Dir auch! Und genieße es!“, sagt sie lächelnd. Kurz darauf merke ich, dass die beiden offenbar auf ihrer Auslaufrunde sind. Wie kann man denn nach einem Marathon noch so fit sein?!

Ein letztes Mal geht es über das Gelände des Klärwerks und ich verfluche diese Streckenführung. Das Zischen und Blubbern bringt mich völlig aus dem Konzept und der Geruch nach stinkenden Fäkalien ist jetzt besonders deutlich. Mir wird richtig übel und ich muss mich kurz zusammenreißen. Was für ein Scheiß!

„Bald hast du es geschafft“, sagt kurz darauf die Streckenpostierte mit der runden Brille. So langsam kenne ich die gesamte Crew hier persönlich.

Die letzten fünf Kilometer werden die Hölle. Nach dem Wendepunkt kann ich mich noch einmal kurz motivieren, doch dann breche ich ein. Josè ist wieder da und trabt an mit vorbei.

„Vielleicht schaffen wir ja die fünf Stunden“, sagt er. Das will ich doch hoffen.

Die Anfeuerung der Streckenposten gerät zur persönlichen Betreuung. Jeder hat Applaus, ein Lächeln und aufmunternde Worte parat. Meine Beine sind schwer. Jede Passage mit Kopfsteinpflaster bringt mich um. Nur der Kopf macht noch mit. Ich laufe diesen scheiß Marathon!

Ab der Hafenspitze wird es dann richtig anstrengend. Das schöne Wetter hat viele Menschen nach draußen gelockt und ohne richtige Absperrung und Anweisung machen die sich auf der Laufstrecke breit. Der Lauf wird zu einem Slalom um Passanten, Touristen und Hunde.

Mit den Anfeuerungsrufen meiner beiden Mädels geht es auf die letzten 2,5 Kilometer. Mir ist schlecht. Ich habe Durst. Doch nach jedem Schluck Wasser ist mir wieder schlecht. Bei dem Gedanken an den letzten Oluf wird mir schlecht. Und dann wieder ganz allein durch die Fußgängerzone? Mir wird schlecht.

Dann kommt er, der letzte Oluf. Streckenposten und Passanten peitschen mit hinauf. Hinter mir kommen offenbar schon die nächsten. Das treibt mich an.

Oben angekommen bin ich tot. Ich schleiche um die Kurve – und plötzlich sind überall Menschen. Wieder muss ich Slalom durch die Fußgänger laufen. Ich habe keine Kraft mehr und keine Lust. Am liebsten würde ich alle anschreien, doch auch dafür fehlt mir die Kraft. Bitte lass es doch endlich vorbei sein! Lasst mich doch bitte ins Ziel kommen! Auch wenn ich dann kotzen muss oder zusammenbreche. Ich will nicht mehr!

Kilometer 42,195

Ich passiere Kilometer 42. Jetzt ist es gleich geschafft. Ich höre die Stimmung auf dem Südermarkt. Höre den Moderator. Bekomme Gänsehaut. Die Menschen an der Seite applaudieren. Ich muss unweigerlich lächeln. Meine beiden Mädels sind da und jubeln.

„Da kommt Stefan, und Stefan strahlt noch!“, höre ich den Moderator.

Ich biege um die Kurve, sehe das Ziel. Noch drei Schritte, dann ist es geschafft. Jubelschreie bahnen sich ihren Weg. Die ganze Anspannung entlädt sich. Die Medaille wird mir umgehängt. Ich habe es geschafft!

Den Rest des Tages glücksbesoffen.

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