Früher war Winter anders

Es ist mitten im Winter. Freitagmittag Anfang Februar. Ein Grad plus, grauer Himmel. Auf den Straßen tauen die letzten Schneereste vor sich hin.

Ich bin zu Fuß unterwegs zum Bäcker. Das habe ich mir in den vergangenen Wochen so angewöhnt. Mittags einmal kurz zu Fuß zum Bäcker laufen und frische Brötchen kaufen. Dann wieder zurück. Eine halbe Stunde an der frischen Luft. Das tut gut, wenn man bei Lockdown und Homeoffice nicht mehr zwangsläufig so viel frische Luft und Bewegung bekommt wie vorher.

Gedankenversunken laufe ich auf dem Fußweg die lange Hauptstraße entlang. Mütze auf und Handschuhe an. Den hohen Kragen der Winterjacke bis oben zu und das Gesicht halb dahinter verborgen. Einen hohen Kragen mag ich lieber als einen Schal.

Es ist eine ruhige Wohngegend hier. Mittendrin eine Grundschule. Ab und zu etwas Trubel und Kinderlachen, die vom Schulhof rüber in die angrenzenden Straßen dringen. Sonst eher beschaulich.

Von vorne strahlen mich zwei helle Lichter an. Der Linienbus kommt mir entgegen. Bahnt sich seinen Weg zwischen parkenden Autos und tauenden Schneehaufen in Schlangenlinien durch das Wohngebiet. Dann hat er freie Fahrt und gibt Gas. Der Diesel braust an mir vorbei und hüllt mich in eine unsichtbare Wolke aus Abgasen. Dieser Geruch.

Und plötzlich sitze ich selber wieder im Bus. Damals. Mit elf oder zwölf Jahren. Oder besser gesagt: Ich stehe. Mit dutzenden anderen Kindern stehe ich im Gang des Busses. Alle Sitzplätze sind belegt. Und alle Stehplätze eigentlich auch.

Als Kind war der plötzliche Wintereinbruch immer ein stressiges Ereignis. Früh um sechs wurden wir aus den Betten geholt, damit wir noch Zeit fürs Frühstück hatten, bevor der Bus kam. Und der Bus kam früh. Normalerweise mussten wir erst gegen halb sieben aufstehen und konnten dann nach Toast oder Cornflakes ganz individuell und gemütlich zur Schule radeln. Bei Schnee war das anders.

Bei Schnee tapsten wir dick eingemummelt zu Fuß ein paar Minuten bis zur nächsten Bushaltestelle und warteten. In den ersten Bus, der hielt, stiegen wir meistens gar nicht ein, weil dieser schon komplett überfüllt war. Doch im Winter folgte auf den regulären Linienbus oft noch der sogenannte „Einsatzwagen“. Und in den stiegen wir ein. Und so standen wir dann im Einsatzwagen mit dutzenden anderen Kindern im Gang und hielten uns irgendwo fest, damit wir einen sicheren Stand hatten, wenn der Bus über den Bahnübergang oder um die Kurve brauste. Der Bus war voll mit Schulkindern mit bunten Wintermützen und ebenso bunten Schulranzen. Unter den Schuhen knirschte das hineingetragene Streusalz. Es roch nach Schnee und alten Sitzbezügen. Und nach Diesel.

Aufregend war das schon ein bisschen. Früh aufstehen, zum Bus hetzen und im Einsatzwagen fahren. Irgendwie besonders. Und zu spät kommen war an diesen Tagen auch kein Problem. Was will man machen, wenn alles verschneit ist und der Bus nicht durchkommt. Regeln brechen mit Ansage. Besonders aufregend.

Spaßig war der Winter natürlich auch. Dann aber erst nach der Schule. Rein in die Schneehose und raus in den Schnee. Rodeln, Schneemann bauen, Schneeballschlacht mit dem Nachbar auf der Straße. Irgendwas war immer nass. Die Schuhe, die Knie, die Handschuhe. Oder die Mütze, nachdem sie mir irgendjemand vom Kopf gerissen und mit Schnee gefüllt hatte. Auf der Heizung im Wohnzimmer musste das dann alles trocknen. Und am nächsten Tag hatte man überall Schneeränder.

Heute ist Winter immer noch spaßig. Doch ein paar Pflichten sind dazugekommen. Heute besteht Winter vor allem aus Eiskratzen am Auto und Schneeschippen vor dem Haus. Und Salz streuen. Arbeit also. Damit niemand ausrutscht, sich die Knochen bricht und mich verklagt. Manchmal gerät das auch zum Gruppenereignis. Den ganzen Tag über tut sich nichts auf den Gehwegen vor den Häusern. Bis der eine Nachbar anfängt zu räumen. Und dann ziehen alle anderen nach. Über eine Stunde lang dringen die Geräusche von Schneeschiebern aus Holz oder Metall durch die Nachbarschaft, bis alles seine Ordnung hat.

Abends vorm Zubettgehen fällt der Blick in den dick verschneiten Garten. Die Nacht ist so dunkel wie immer, doch aufgrund der weißen Schneedecke liegt über allem ein leichter, heller Schimmer. Friedlich sieht das aus. Und behaglich fühlt sich das an. Kann man die eisige Schönheit doch von einem mollig warmen Platz aus beobachten.

So ist Winter heute. Ein bisschen Spaß, ein bisschen Arbeit, ein bisschen schön. Und manchmal wünscht man sich die Zeit zurück, als nasse Handschuhe die größte Sorge waren, die man hatte.

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