„Wir schließen um 16 Uhr, das wissen Sie?“, ermahnte mich die Dame am Schalter der Müllstation.
Ich blickte auf die Uhr. Es war 15.52 Uhr. „Ja, ich weiß“, antwortete ich. „Und ich habe auch schon den ganzen Tag Stress deswegen!“
Tatsächlich dachte ich seit Tagen an nichts anderes, als an diesem Tag pünktlich bis 16 Uhr hier an der Müllstation zu erscheinen, um meinen Gartenabfall, 18 Säcke Moosschnitt vom Vertikutieren, abzuladen. Die Arbeit im Garten war schon alles andere als angenehm. Dass hinterher 18 bis zum Rand gefüllte schwarze Müllsäcke auf meiner Auffahrt stehen würden, hatte ich nicht erwartet. Diese Säcke loszuwerden war eine Herausforderung, die ich so vorher nicht einkalkuliert hatte.
Die 18 Säcke passten nicht in den Kofferraum meines Kombis. Ich brauchte also einen Anhänger. Ich besaß jedoch keinen Anhänger, ich musste mir einen leihen. So weit, so bekannt. Hatte ich schonmal gemacht, sollte also wieder klappen.
Am Tag des geplanten Müllausflugs nahm ich mir fest vor, pünktlich um 14.30 Uhr Feierabend zu machen, um genug Zeit für das Ausleihen und Beladen des Anhängers sowie die Fahrt zur Müllstation und das Ausladen zu haben. 14.30 Uhr. 14.30 Uhr. Schon morgens beim Frühstück pochte diese Uhrzeit wie ein Alarmsignal gegen meine Schädelinnendecke.
Natürlich habe ich die Zeit gerissen. Aber um immerhin 14.45 Uhr konnte ich das Büro verlassen und machte mich auf den Weg zur Anhänger-Ausleihstation auf dem Parkplatz eines Baumarktes. Über eine App konnte man sich für einen Anhänger anmelden und diesen dann nach dem Einscannen eines QR-Codes freischalten. Die Aufkleber mit den Codes an den Anhängern waren jedoch so vergilbt, dass sie von der App nicht erkannt wurden. Also musste ich den 24stelligen Code in Schriftgröße 0,5 selbst eintippen. Wie durch ein Wunder vertippte ich mich nicht, der Code wurde angenommen und ich konnte starten.
Mit Anhänger fahren ist immer noch etwas besonderes. So oft mache ich das nicht. Immer wieder kontrollierte ich im Rückspiegel, ob er noch da war. Zuhause parkte ich das Gespann halb auf dem Gehweg, halb in der Auffahrt, auf jeden Fall so, dass auf der Straße noch ein Auto vorbeipasste. Ich schleuderte die schwarzen Säcke in den Anhänger und machte mich auf den Weg zur Müllstation. Es war 15.32 Uhr. Eine gute halbe Stunde hatte ich noch Zeit.
Auf meinem Weg zur Müllstation schien es, als hätte sich die ganze Welt gegen mich verschworen. Es war Freitagnachmittag. Alles voller Feierabendverkehr. Überall Stau, rote Ampeln, Zebrastreifen. Beim Abbiegen verfehlte ein SUV um Haaresbreite meinen Außenspiegel. Wie entfesselt betätigte ich die Hupe. In der 30er-Zone kam mir ein Krankenwagen mit Blaulicht entgegen. Der verkehrsteilnehmende Mensch vor mir bog in aller Seelenruhe links ab und ich sah mich fast schon den Notruf für einen weiteren Krankentransport wählen.
An der Kreuzung zur Müllstation kamen mir auffällig viele Pkw mit Anhänger entgegen. Ich befürchtete das schlimmste, doch das Tor stand noch offen und ich rollte erleichtert auf die Waage vor dem Annahmeschalter, an dem eingangs vorgestellte Dame ihr Wochenende offenbar nicht früh genug beginnen konnte. Der Kollege auf der Waage warf einen kurzen Blick in den Anhänger.
„Neunfuffig“, sagte er.
„Wie bitte?“, fragte ich.
„Neun Euro Fünfzig bitte.“
Ich gab zehn. Als Wiedergutmachung für die fünf Überminuten, die ich dem Personal bescherte.
An den Containern standen noch zwei weitere Fahrzeuge, aus denen Sperrmüll und Ähnliches ausgeladen wurde. Kurz darauf war ich allein. Ich lud in aller Seelenruhe aus und rollte um 16.08 Uhr wieder zum Tor hinaus. Niemand winkte mir zum Abschied, keiner wünschte mir ein schönes Wochenende. Ich werde trotzdem wiederkommen, dachte ich. Vielleicht schaffe ich es nächstes Mal sogar zwei Minuten früher.