„Sie müssen jetzt positiv denken. Positiv denken ist jetzt ganz wichtig!“ – Wie so viele andere habe auch ich diesen Satz direkt nach meiner Krebsdiagnose zu hören bekommen. Und wie so viele andere habe ich damit zu diesem Zeitpunkt überhaupt nichts anfangen können. Zu sehr war mir das eine Floskel, schnell dahin gesagt, als Trost gemeint, als Ratschlag, weil einem nichts besseres einfällt. Ärzte, medizinisches Personal, Freunde, Angehörige. Viele klopften mir mit diesem Ratschlag symbolisch auf die Schulter und wollten mich motivieren. In den ersten Momenten nach der Diagnose verpuffte dieser Effekt aber. Zu sehr war ich mit anderen Gedanken beschäftigt. Erst später sah ich diesen Satz mit anderen Augen.
Bei Krebs realistisch bleiben und Pläne für die Zukunft machen
Noch heute höre ich von anderen Krebsbetroffenen, dass sie der Ratschlag vom positiven Denken eher verletzt als bestärkt hat. Aus heutiger Sicht kann ich sagen: Es ist genau das, was mir geholfen hat. Allerdings muss ich es etwas konkretisieren. Es war eher eine positive Haltung, die mich motiviert hat. Realistisches Denken und Pläne für die Zukunft machen. Von Schritt zu Schritt denken und schon früh Gedanken über das danach machen.
Die Diagnose Peniskrebs war im ersten Moment ein Schock. Doch weiter war erstmal nichts passiert. Nur die Diagnose. Und die bedeutete erst mal Gewissheit. Endlich wissen, was los ist. Und wissen, wie es weitergeht. Was als nächstes folgt. Damit konnte ich arbeiten. Ich hatte einen Plan, den ich abarbeiten konnte. Einen Schritt nach dem anderen machen. Von OP zu OP. Die Tage im Krankenhaus zählen. Von Untersuchung zu Untersuchung. Die Ergebnisse abwarten und dann weitersehen.
Von Schritt zu Schritt denken
Direkt nach meiner Diagnose stand nur fest, dass ich operiert werden musste. Mindestens einmal. Nach dem Gespräch mit dem Arzt, der mich operieren sollte, war klar, dass noch eine zweite OP dazukommen würde. Und erst danach war klar, dass weder Bestrahlung noch Chemotherapie nötig waren, um mich zu heilen. Die beiden Operationen hatten ausgereicht, den Krebs an der Ursprungsstelle zu entfernen und zu erkennen, dass er sich nicht ausgebreitet hatte. Von der Diagnose bis zur endgültigen Entlassung aus dem Krankenhaus nach der zweiten OP vergingen gut sieben Wochen. Sieben Wochen, in denen ich mich bemühte, realistisch zu bleiben. Von Schritt zu Schritt zu denken. Befunde abzuwarten und dann zu schauen, wie es weiterging. Ich habe positiv gedacht. Und das hat mir geholfen.

Meine Diagnose habe ich an einem Freitag bekommen. Ich hatte danach ein ganzes Wochenende Zeit, mir viele Gedanken zu machen. Viele Sorgen, ganz klar, aber auch viele Pläne. Erzählen wollte ich darüber, egal wie es ausgeht. Mein Wissen und meine Erfahrungen wollte ich teilen. Und ich wollte laufen. Weiter als je zuvor, um ein Zeichen zu setzen. „Wenn ich den Krebs überstanden habe, laufe ich einen Marathon“, habe ich mir vorgenommen.
Floskel vom positiven Denken etwas drehen bis sie passt
Und das habe ich alles geschafft. Drei Wochen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus habe ich meine Krebsgeschichte hier auf diesem Blog veröffentlicht. Viele weitere Beiträge sind seitdem dazugekommen. Und ich bin gelaufen. Bei null musste ich wieder anfangen. Kleine Runden durch die Nachbarschaft habe ich gedreht. Während meiner Reha bin ich durch den Harz gelaufen. Dann das erste Fünf-Kilometer-Rennen. Dann die ersten zehn. Drei Jahre nach dem Krebs habe ich meinen ersten Halbmarathon geschafft. Weitere drei Jahre später meinen ersten Marathon. Inzwischen bin ich sechs offizielle Halbmarathons und zwei Marathons gelaufen.
Viel Zeit habe ich mir gelassen. Viel Zeit, um gesund zu werden und meine Ziele nach dem Krebs zu erreichen. Zehn Jahre ist der Krebs bald her. Das mit dem Gesundwerden dauert weiter an und wird wahrscheinlich nie mehr so werden wie vor dem Krebs. Doch nach all der Zeit kann ich sagen, dass an der anfangs vielleicht gedankenlosen Floskel vom positiven Denken durchaus etwas dran ist. Man muss ihr nur eine Chance geben und sie vielleicht etwas drehen, bis sie für einen passt.
Titelbild: Andrew Neel/Pexels