Scheitern

„Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass es nicht schiefgeht?“ Diese Frage begegnete mir kürzlich bei einem Workshop und ich fand es schwierig, sie zu beantworten.

Was mit der Frage beabsichtigt war, begriff ich schnell. Es ging dabei um die Angst vorm Scheitern. Dass man vieles nicht beginnt, weil man Angst vor dem Scheitern hat. Weil man nicht weiß, wie man anfangen soll. Oder weil man sich die vielen Schwierigkeiten vor Augen führt, die auftreten können, wenn man seine Träume verwirklichen möchte. Für manche Träume braucht man Zeit. Für andere Geld. Viele erfordern Geduld, Ausdauer, Kontakte, Kreativität und, und, und…

Auswandern, ein Buch schreiben, ein Ferienhaus am Meer kaufen, den Mount Everest besteigen, einen Ultra-Marathon laufen, sich selbstständig machen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, sich mit der Erfüllung eines Lebenstraums selbst zu verwirklichen. Also warum fangen wir nicht endlich an, unsere Träume wahr werden zu lassen?

„Was würdest du tun, wenn du wüsstest, dass es nicht schiefgeht?“ Mein erster Gedanke war: Lotto spielen. Gefolgt von meinem zweiten Gedanken: gar nichts. Und damit habe ich, glaube ich, die Intention dieser Frage ruiniert.

Wenn ich wüsste, dass alles, was ich anfangen würde, gelänge, wäre das Leben wahrscheinlich ziemlich langweilig. Wenn ich vor meinem ersten Marathon hundertprozentig gewusst hätte, dass ich ihn schaffe, wäre der Reiz verflogen gewesen, es überhaupt zu versuchen. Es geht nicht nur um das Ziel. Es geht auch um den Weg dorthin. Wenn ein Marathonlauf ein Klacks wäre, wenn jeder Mensch die 42,195 Kilometer ohne viel Vorbereitung laufen könnte, würde niemand mehr einen Marathon laufen. Es ist die Angst vor dem Ungewissen, die einen Marathon so reizvoll macht.

Als ich im Training zum ersten Mal in meinem Leben 14, 18, 25 Kilometer gelaufen bin, war das ein unbeschreibliches Gefühl. Ich ahnte, dass das mit dem Marathon etwas werden könnte, aber gewusst habe ich es nicht. Die Euphorie am Start und die ersten Kilometer waren aufregend. Ich war motiviert, doch ich rechnete mit allem. Die letzten Kilometer waren hart. Hätte ich die Schwächephase in der ersten Hälfte des Rennens gehabt, weiß ich nicht, ob ich mich für den Rest noch hätte motivieren können. Und bis kurz vor dem Ziel wollte ich mich nicht darauf verlassen, dass jetzt eigentlich nichts mehr schiefgehen könne. Erst im Ziel mit der Medaille um den Hals war ich mir sicher.

Diese Herausforderungen, das Auf und Ab im Rennen, aber auch die vielen guten und schlechten Tage während der Vorbereitung, all das machten das Ergebnis gleich viel wertvoller. Träume, für die wir kämpfen mussten, wissen wir viel mehr zu schätzen als etwas, das uns in den Schoß gelegt wurde. Krebs überstehen, Kind bekommen, Marathon laufen.

Es sind nicht die Erfolge, an denen wir wachsen. Es sind die Misserfolge, aus denen wir lernen. Es ist das Scheitern, das uns stark macht. Das uns zeigt, ob es uns wirklich ernst damit ist, diesen Traum zu verwirklichen. Wenn ich einen vermeintlichen Lebenstraum nach dem ersten Misserfolg aufgebe, dann wird er mir nicht so wichtig gewesen sein. Doch wenn ich dranbleibe und trotz Misserfolgs weitermache, wenn ich fünfmal hinfalle und es trotzdem ein sechstes Mal probiere und es dann endlich klappt, dann ist die Erfüllung dieses Traums das wertvollste, was ich jemals erreicht habe.

Man muss nicht alles ausprobieren, nur um es mal gemacht zu haben. Die Möglichkeit des Scheiterns sollte einen vom Ausprobieren aber nicht abhalten. Wer es nicht versucht, hat schon verloren.

(Foto: Pixabay/Pexels)

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