Bye Bye Behindertenausweis

Es war einmal mein Schwerbehindertenausweis. Den hatte ich nach meiner Krebserkrankung beantragt, nachdem mich zunächst mein Hausarzt darauf hingewiesen und ich anschließend bei meiner ersten Reha weitere Tipps und Infos dazu bekomme hatte. Dass jeder Krebspatient automatisch Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis hat, wusste ich bis dato nicht. Konnte ja nicht schaden, dachte ich. Mach mal.

Kurz darauf bekam ich meinen Schwerbehindertenausweis. Auf der hellgrünen Karte stand mein Name und daneben „GdB 50“ (Grad der Behinderung), offenbar der Mindest-GdB für Neu-Krebspatienten. Kein Merkzeichen, dafür ein Ablaufdatum. Ich wurde erstmal für die kommenden fünf Jahre für schwerbehindert erklärt. Dann sollte die Angelegenheit erneut auf den Prüfstand. „Heilungsbewährung“ wurde das genannt.

Die Vorteile eines Schwerbehindertenausweises

Dass der Schwerbehindertenausweis ein paar Vorteile mit sich brachte, davon wurde mir vorher beim Hausarzt und bei der Reha lang und breit erzählt. Mehr Urlaubstage sollte ich bekommen. Dazu Ermäßigungen auf Eintrittskarten oder beim Einkaufen. Und bei der Rente spielte der Behindertenstatus offenbar auch eine Rolle. Aber gab es auch Nachteile? Auf dem Arbeitsmarkt vielleicht? Als ich diese Frage bei der Infoveranstaltung während der Reha stellte, wurde sie verneint. Ich war gespannt auf die nun folgenden fünf Jahre als Schwerbehinderter.

Über die Vorteile eines Schwerbehindertenausweises habe ich mich im Internet informiert. Wer wissen möchte, welche Tickets es günstiger gibt, beispielsweise bei Messen, in Museen oder Zoos, wie man günstiger die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen kann oder welche Autohändler einen Rabatt gewähren, der findet umfangreiche Infos. Direkt vor Ort nachfragen geht aber auch.

Ich habe diese Rabattmöglichkeiten in den fünf Jahren vereinzelt genutzt. So war ich mehrmals vergünstigt im Zoo, einmal bei einer Sportveranstaltung, einmal bei einer Messe. Und auch beim Autokauf habe ich einen Rabatt bekommen, nachdem ich meinen Schwerbehindertenausweis angesprochen hatte. Auf der Rechnung stand später „Neukundenrabatt“.

Als größten Vorteil meines bestätigten Schwerbehindertenstatus habe ich die fünf zusätzlichen Urlaubstage wahrgenommen, die mir dadurch gewährt wurden. Diese beim damaligen Arbeitgeber geltend zu machen, war kein Problem. Und diese zusätzliche Freizeit, sozusagen staatlich angeordnet, hat mir bei der Bewältigung der Krebserkrankung und beim Wiedereinstieg ins Berufsleben sehr geholfen.

Bewerbung mit Schwerbehindertenausweis

Auf dem Arbeitsmarkt sind mir mit meinem Behindertenausweis ein paar Unstimmigkeiten aufgefallen. Meinen damaligen Arbeitgeber gab es irgendwann nicht mehr und so musste ich mich nach einem neuen umschauen. Im Bewerbungsprozess bin ich stets sehr offen mit meinem Status als Schwerbehinderter umgegangen. Wenn das Thema in der Stellenanzeige angesprochen wurde, habe ich es im Bewerbungsanschreiben erwähnt. Spätestens beim Vorstellungstermin habe ich meinen Schwerbehindertenausweis thematisiert. Ich wollte mit offenen Karten spielen.

Vordergründig stellte mein GdB angeblich für niemanden ein Problem dar. Wenn ich davon sprach, erntete ich meistens verständnisvolle Reaktionen und die Beteuerung, dass dieser Umstand für den Bewerbungsprozess überhaupt keine Rolle spiele. Ein Geschäftsführer reagierte sogar etwas unwirsch, fast wütend darüber, dass ich mich dafür rechtfertigen wollte und annahm, es würde ein Problem darstellen. Bei einem anderen Gespräch wurde händeringend nach einer Entschuldigung gesucht, warum das alte Gebäude, in dem die Firma untergebracht war, keinen Fahrstuhl hatte. Dass ich nicht im Rollstuhl saß, müssten die eigentlich gesehen haben.

Urlaubstage als Verhandlungsmasse

Von den meisten Firmen, die beteuerten, dass der Schwerbehindertenausweis keine Rolle spielen würde, bekam ich eine Absage. Eine Agentur wollte mich zwar einstellen, mir allerdings nicht mehr als 24 Urlaubstage im Jahr zugestehen. 30 Urlaubstage sollten Standard sein, finde ich. In den weiteren Verhandlungen fiel die Bemerkung, dass ich aufgrund meines GdB ja zusätzliche Urlaubstage bekäme. Den Job habe ich nicht angenommen.

Kurz darauf habe ich einen Arbeitgeber gefunden, bei dem das Vorhandensein meines Schwerbehindertenausweises nur als Formalie aufgenommen wurde. So wie meine Adresse und Bankverbindung. Die Tatsache wurde notiert und eingetütet und auf die tariflichen Urlaubstage, die jeder Mitarbeitende bekam, wurden meine zusätzlichen Urlaubstage aufgerechnet. Ich war auch nicht der einzige Angestellte mit einem GdB.

Mittlerweile ist mein Schwerbehindertenausweis abgelaufen. Das ist einerseits gut, doch ein paar Vorteile hätte ich gerne behalten. Nach kurzer Verhandlung ist mein GdB von 50 auf immerhin noch 20 zurückgeschraubt worden. Der Krebs ist zwar nicht wiedergekommen – die Heilung hat sich also bewährt – doch ein paar Kleinigkeiten sind geblieben, beispielsweise die veränderte Situation an Penisspitze und Harnröhre. Mit der 20 bin ich erstmal zufrieden. Ich habe zwar keinen Ausweis mehr und damit auch keine zusätzlichen Urlaubstage, doch wer weiß, was in Zukunft noch alles passiert. Und für den Hinterkopf ist ein GdB von 20 immer noch eine spürbare Anerkennung meiner Krankheitsgeschichte.

Anerkennung, Beachtung und Wertschätzung

Das gesamte Thema Schwerbehindertenausweis habe ich in erster Linie als Anerkennung wahrgenommen. Ich finde es sehr hilfreich, die Umstände beim Namen zu nennen. Eine Diagnose finde ich besser als die Ungewissheit. Den Schwerbehindertenausweis habe ich als Bestätigung meines Status gesehen. Als gesicherte Diagnose. Als Anerkennung für das Leid, das ich erfahren habe und als Möglichkeit, den Alltag dadurch etwas leichter zu gestalten.

Wenn man im Tierpark oder im Stadion drei Euro weniger zahlt, als Menschen ohne Behinderung, dann macht mich das nicht finanziell reicher. Doch es ermöglichte mir nach meiner körperlich und psychisch belastenden Krankheitsphase einen einfacheren Wiedereinstieg in den Alltag. Ich fühlte mich beachtet und wertgeschätzt. Und das war ein gutes Gefühl.

Behalten hätte ich gerne die zusätzlichen Urlaubstage. Die habe ich als ganz besondere Form der Wertschätzung wahrgenommen. Freie Zeit zum Erholen, zum Ausruhen und zum Nachdenken hat bis heute einen hohen Stellenwert in meinem Leben. Die Umstellung auf ein Arbeitsleben mit fünf Urlaubstagen weniger ist hart.

Doch auch das werde ich meistern. Es ist ein weiterer Schritt auf dem langen Weg der Heilung.

Und auch ohne Schwerbehindertenausweis bin ich letztens vergünstigt in den Tierpark gekommen. Rabatt gab es nämlich auch mit meiner Mitgliedskarte vom Automobilclub. Dafür haben wir uns dann ein extragroßes Eis gegönnt.

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