Rund um München ist überall Stau. Wir sind auf der Rückreise aus dem Sommerurlaub in Kroatien und stecken mit dem Auto mitten in der Bayrischen Landeshauptstadt fest. Weil die Strecke außen herum wahrscheinlich zweieinhalb Minuten länger gedauert hätte, hat unser Navi entschieden, uns auf der Autobahn direkt durch die Stadt zu führen. Es ist eine von diesen Autobahnen, die auch gleichzeitig als Bundesstraße ausgewiesen ist und durch Wohngegenden führt. Ganz toll.
Da plötzlich meldet sich die Blase meiner kleinen Tochter.
„Ich muss mal Pipi!“, lautet die unmissverständliche Mitteilung von der Rückbank.
Was nun? Um uns herum sind überall Autos. Eine einzige, zäh fließende Blechlawine. Einen Rastplatz hier mitten in der Stadt gibt es nicht. Geschweige denn die Möglichkeit, auf einen Supermarktparkplatz oder Grünstreifen zu fahren.
Meine eigene Unachtsamkeit kommt mir zu Hilfe. An einer Gabelung der Straße biege ich falsch ab. Mit einem lauten „DING“ gefolgt von einem „Die Route wird neu berechnet“ schmiert mir das Navi meinen Fehler direkt aufs Brot. Ich fluche kurz, erkenne dann aber die Möglichkeit, die sich daraus ergibt: Dort drüben sehe ich einen Grünstreifen.
In einem abenteuerlichen Manöver setze ich den Blinker, wechsele die Spur und biege erneut ab. Das Navi weiß gar nicht, wie ihm geschieht. Und dann rollen wir gemächlich durch die Einhornallee im Münchner Stadtteil Sendling. Rechts Wohnhäuser, links ein mit Bäumen und Sträuchern bewachsener Grünstreifen. Perfekt für eine Pipipause.
Ich parke das Auto am Straßenrand und wir steigen hinaus in die Sonne. Nett hier. Aus einem der Fenster schaut eine Frau in unsere Richtung. Ich nicke ihr zu. Aus der Ferne hören wir Verkehrslärm.
Jetzt müssen wir plötzlich alle Pipi. Frau und Kind suchen sich einen Platz zwischen Gebüsch und Auto. Ich habe ein paar Meter weiter eine Lücke im Wald entdeckt und suche mir dort eine Stelle. Der Verkehrslärm wird lauter. Und dann stehe ich auf einmal vor einer Leitplanke, dahinter die Straße mit dem Stau, in dem wir eben noch standen.
Erschrocken gehe ich ein paar Schritte zurück. Aber nicht zu weit, damit mich die Frau im Fenster nicht beobachten kann. Ich schaue mich um. Alles passt.
Nach dieser erholsamen Pipipause mitten im Wohngebiet steigen wir zurück ins Auto und setzen unseren Weg nach Hause fort. An der nächsten Kreuzung stehen wir wieder in unserem Stau. Ich drehe das Radio auf und gröle „Bella Napoli“ mit. Schon schön hier in München.
(Bild: KI-generiert)