Finger im Po, Tschuldigung!

An den geänderten Rhythmus meiner Krebsnachsorge kann ich mich nur schwer gewöhnen. In den ersten beiden Jahren nach meiner Krebserfahrung bin ich nur einmal pro Jahr zur Nachsorge beim Urologen gewesen. Der Arzt schaute sich im Frühjahr den aktuellen Zustand meiner ehemaligen Krisenregion an und gab mir die Überweisung für eine MRT-Untersuchung mit. Das MRT folgte meist zwei bis drei Wochen später und war stets unauffällig. Bis zum nächsten Frühjahr hatte ich dann Ruhe.

Anfang 2019 bekam ich in der Praxis einen neuen Urologen zugeteilt. Ein junger Arzt, zwei Jahre jünger als ich, der zuvor in Hamburg tätig war. Norddeutscher Zungenschlag, sehr sympathisch. Er führte bei mir eine halbjährliche Nachsorge ein. Im Frühjahr einmal nachschauen und MRT, im Herbst dann nochmal nachschauen. Und jetzt kommt jedes Jahr irgendwann der Oktober und ich frage mich: „Wollte er mich im Herbst nochmal wiedersehen, oder nicht?“

So auch in diesem Jahr. Einen Griff zum Telefon und ein Gespräch mit der Sprechstundenhilfe später war klar: Ja, ich sollte im Herbst nochmal wiederkommen. Mit einem Termin für November in der Tasche legte ich wieder auf.

Meine Vergesslichkeit hatte in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass sich meine Nachsorgetermine still und heimlich immer weiter ins Jahr vorgeschoben hatten. Meine allererste Krebsnachsorge hatte ich im Februar 2017. Die nächsten dann im März 2018, März 2019 und April 2020. Dazu kamen die Nur-gucken-Termine im Oktober 2019 und jetzt also im November 2020. Bisschen Verzug, ok, schien aber nicht schlimm zu sein.

Jetzt also Nur-gucken-Termin im November. Coronabedingt zog sich die Warteschlange mit Abständen durch den gesamten Flur der Praxis. Die Sprechstundenhilfe tackerte konzentriert auf der Computertastatur herum, während der Raum von einem stetigen Telefonklingeln erfüllt war. Alle paar Minuten ging es einen Schritt vorwärts und der nächste Patient durfte im Wartebereich Platz nehmen. So auch ich irgendwann.

Die Wartezeit gestaltete sich allerdings derart kurz, dass ich, kaum mein Smartphone aus der Tasche geholt, auch schon aufgerufen wurde. Ich betrat das Sprechzimmer, nahm Platz sowie zu meiner Überraschung Glückwünsche zur Geburt meiner Tochter entgegen. Sehr freundlich, Danke!

„Dann lassen Sie uns doch mal schauen“, sagte der Urologe schließlich.

Wir gingen ins Nebenzimmer, wo er mir zunächst das neue Ultraschallgerät präsentierte.

„Das haben wir ganz neu, erst seit heute“, sagte er stolz.

Ich legte mich auf die Liege und wurde zur Feier des Tages untenrum einmal komplett abgescannt. Harnblase, Prostata, Nieren. Einmal einatmen wegen Rippenschatten. Tolles Gerät.

Dann sagte mein Urologe unvermittelt: „Und jetzt drehen Sie sich bitte auf die Seite, damit ich Ihre Prostata abtasten kann.“

Ich zog die Augenbrauen hoch. Ähm, wie bitte..?

„Ja, das machen wir gleich mit“, erklärte der Arzt. „Ab 40 wird das empfohlen. Dann können wir da ein Häckchen hinter machen.“

Na ok. Ich legte mich auf die Seite. Dann machen Sie mal. Wie schlimm kann das schon seieijeijeijeijeijei..! Ach du scheiße!

Mit Anlauf rammte er mir einen seiner behandschuhten Finger in den Notausgang. Boah, wie tief muss der denn rein?!

„So, ich fühle dann mal eben. Ist die Prostata hart oder weich? Nö, fühlt sich gut an. Das war’s.“

Schwupps, Finger wieder draußen. Ich immer noch auf der Seite. Musste mich erst mal sammeln. Ich stöhnte so vor mich hin.

„Tschuldigung“, sagte der Arzt.

Ich stöhnte immer noch.

„Entschuldigung“, wiederholte er.

„Ist schon ok“, sagte ich. „Ist ja ihr Job.“

„Entschuldigung“, beteuerte er nochmal.

„Ist wirklich ok“, wiederholte ich.

War es auch. Wirklich. Musste ja gemacht werden. Sah ich ein. Und im Nachhinein war ich froh, dass ich nicht vorgewarnt worden war, sonst wäre ich wahrscheinlich tagelang aufgeregt gewesen.

Ich stand auf, wischte mir das Gleitgel vom Körper und zog mich an. Wir sprachen noch kurz über Prostatakrebsvorsorge, Halbmarathon und Instagram und vertagten uns aufs Frühjahr. März oder April, wie immer.

Wieder eine Nachsorge geschafft. Weiterhin alles in Ordnung, vier Jahre nach der Krebsdiagnose. Doch noch bin ich mit der Nachsorge nicht durch.

Ich muss zur Nachsorge, weil ich nicht eindringlich genug bei der Vorsorge war. Geht ihr doch bitte alle regelmäßig zur Vorsorge, damit ihr nicht irgendwann zur Nachsorge müsst.

Der November steht seit vielen Jahren ganz im Zeichen der Männergesundheit. In diesem Jahr nehme ich am Movember teil, einer Aktion von Männern für Männer. Durch die Pflege des eigenen Schnurrbarts soll auf die Bedeutung von Männergesundheit hingewiesen und sollen Männer für das Thema Vorsorge sensibilisiert werden.

Wer mich unterstützen möchte, ist herzlich zur Wohltätigkeit eingeladen. Meine Spendenaktion zugunsten zahlreicher Initiativen für Männergesundheit findet ihr auf movember.com und bei Facebook. Ich danke Euch!

 

4 Gedanken zu „Finger im Po, Tschuldigung!

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