Da war der Marder mal da

Mit dem Vollmond im Rücken tobte Manni Marder durch die herbstlich kühle Nacht. Er folgte seinem Lieblingspfad raus aus dem Wald und hinein in die Siedlung der Menschen. Auf eines der Dächer zu kommen, war nicht schwer. Entweder kletterte er eine Dachrinne hoch oder einen der Bäume, die nah am Haus standen. Am liebsten trieb er sich in der alten Doppelhaussiedlung herum. Dort standen die Häuser, Garagen und Schuppen so dicht beieinander, dass er mühelos von Dach zu Dach springen konnte. Stundenlang konnte er sich hier herumtreiben, herrlich!

Dieses eine Dach hatte es ihm besonders angetan. Es war alt und noch nie erneuert worden. Zwischen den Ziegeln taten sich überall Lücken auf. Keine Dämmung, keine Folien. Der Weg auf den Dachboden war frei. Und dort tollte er so gerne herum! Von rechts nach links und wieder zurück. Und in der einen Ecke konnte er ins Innere der Dachschräge krabbeln. Da war es dunkel und gemütlich. Perfekt zum Erkunden. Seine kleinen Pfoten trippelten über das Holz. In jeder Ecke musste er nachschauen. Das störte doch keinen, oder? Es war einfach der beste Dachboden der Welt!

Diesen Dachboden musste er unbedingt jemandem zeigen. Am besten Mardina, seiner Flamme aus der Mardernachbarschaft. Auf sie hatte er schon länger ein Auge geworfen. Die Uhr tickte. Er war nicht mehr der Jüngste. So langsam musste er sich um eine eigene Familie kümmern. Und Mardina war genau die Richtige für ihn. Wenn er ihr den tollen Dachboden zeigte, den er gefunden hatte, würde sie bestimmt dahinschmelzen. Dann würde er sie voller Leidenschaft auf seine Marderatze ziehen und seinen Marderpfahl rausholen. In dieser Nacht wollte er zum Marderfu**er werden und eine Familie gründen.

Doch als er in der nächsten Nacht mit Mardina wiederkam, stand er vor verschlossenen Türen. Die Lücken im Dach waren alle dicht. Nirgendwo fand er einen Zugang. Überall versperrte ihm frische Dämmwolle den Weg. Was war denn hier passiert? Was fiel den Menschen denn ein, sich zwischen ihn und sein Liebesglück zu stellen?

Mardina dampfte enttäuscht wieder ab. Manni blieb fassungslos zurück. Er schaute sich um. Und tatsächlich entdeckte er doch eine Lücke, die ihm noch nie aufgefallen war. Durch sie gelangte er zwar nicht mehr auf den Dachboden, doch er konnte weiterhin in einem Zwischenraum hin und her krabbeln und herrlich viel Krach machen. Das tat richtig gut! Nach dem Ende seiner Nachtschicht kehrte er zufrieden in den Wald zurück.

Manni trieb es nicht jede Nacht zu den Menschen. Manchmal war er froh, wenn er sie über mehrere Wochen oder manchmal sogar Monate nicht besuchen musste. Doch irgendwann juckte es ihm wieder in der Nase und er musste los. Vielleicht gab es ja etwas Neues zu entdecken.

Die Ausflüge auf sein Lieblingsdach wurden immer enttäuschender. Normalerweise kletterte er irgendwo ein Fallrohr hinauf und kam dann über die Dachrinnen hunderte Meter weit über mehrere Häuser, ohne auf den Boden zurückkehren zu müssen. Doch heute stoppte ihn ein unangenehmes Zwicken an den Pfoten mitten in seiner Wanderung. Irgendwas lag doch hier in der Dachrinne vor ihm. Als er dort hinübersprang, landete er unangenehm auf einem stacheligen Etwas. Es sah aus wie eine riesige Raupe mit Borsten. Wie eine Bürste. Und ganz in schwarz. Irgendwie bedrohlich. Hier konnte er nicht mehr langgehen. Und auch die neue Lieblingslücke war wieder versperrt, ebenfalls mit einem dieser stachligen Plastikdinger. Zu allem Überfluss flog dann auch noch das Fenster auf und jemand leuchtete ihm mit einer Taschenlampe direkt ins Gesicht. Manni erstarrte kurz und blickte ins Licht. Dann stürzte er sich Hals über Kopf das Dach herunter, landete erst auf dem Zaun, dann auf dem Boden und machte sich aus dem Staub.

Manni war ratlos. Es schien fast so, als wollten die Menschen ihn nicht bei sich haben, zumindest auf dem Dach. Also blieb er in den kommenden Nächten auf dem Boden. Das war auch ok. Er hatte fast vergessen, wie viel Spaß es macht, die Katzen der Menschen zu ärgern. Etwas zu fressen fand er auch am Boden. Meistens Beeren an Büschen in den Gärten der Menschen. Zum Dank ließ er gerne ein Häufchen vor der Haustür zurück. Und als Nachtisch gönnte er sich ab und zu einen Gummischlauch unter einem der Autos.

So arrangierte sich Manni mit dem Boden. Eines Nachts stieß er auf eine ganz neue Futterquelle. Sie war in einer Höhle versteckt und er hatte sie schon von weitem gerochen. Als er näher kam, fragte er sich, warum er dieses Futter nicht schon viel früher entdeckt hatte. Es waren keine Beeren. Es war etwas viel besseres: ein Ei. Das allerdings irgendwie nach Nutella duftete. Oder bildete er sich das ein? Egal. Er konnte dem Duft nicht widerstehen und kroch langsam in die Höhle. Er war dem Ei schon so nahe gekommen, dass er es fast schnappen konnte, da hörte er plötzlich ein leises Klacken und hinter ihm fiel der Eingang der Höhle zu. Er war gefangen.

Kurz darauf näherten sich Schritte. Das Dach der Höhle öffnete sich und er wurde von einer Taschenlampe angeleuchtet. Schon wieder. Irgendjemand schien sich zu freuen. Licht wieder aus, Dach wieder zu, Stille. Er saß in der Falle.

Dann bewegte sich diese Falle plötzlich, wurde hochgehoben und weggetragen. Irgendwo abgesetzt. Eine Kofferraumklappe fiel ins Schloss. Motorengeräusch. Minutenlang monotones Vibrieren. Nach einer gefühlten Ewigkeit wurde das Auto langsamer. Motor aus. Wieder Schritte. Kofferraum auf.

Manni merkte, dass die Falle auf den Boden gesetzt wurde. Dann ging der Eingang wieder auf. War das jetzt das Ende? Hatte sein letztes Stündlein geschlagen? Nie wieder Dachboden? Nie wieder Mardina?

Er nahm seinen ganzen Mut zusammen und rannte los. Er sauste aus der Falle heraus so schnell er konnte. Bis ins nächste Gebüsch, erst dann drehte er sich nochmal um. Im Schein der Autoscheinwerfer erkannte er nur schwarze Schatten. Die Umrisse zweier Männer, die ihm hinterherschauten. Einer hatte einen Jägerhut auf. Die beiden stiegen ins Auto und fuhren weg. Manni war allein. In Sicherheit.

Er schaute sich um. Offenbar war er in einem richtig schönen Wald gelandet. Die Bäume waren so hoch und stattlich, dass er den Mond kaum sehen konnte. Hier könnte es ihm gefallen.

Vorsichtig trippelte er durch sein neues Zuhause. Hinter einem moosbewachsenen Stein am Bachlauf neben einem ausgehöhlten Baumstumpf sah er plötzlich sie: Marderlena. Es war Liebe auf den ersten Blick. Sie blieben glücklich bis an ihr Lebensende. Auch ohne Dachboden.

(Bild von Cunigunde auf Pixabay)

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