Plötzlich wohltätig (5:00)

Hannover mag ich eigentlich. Wer, wie ich, in der Nähe der niedersächsischen Landeshauptstadt aufgewachsen ist, der macht seine ersten Großstadterfahrungen in eben dieser Leinemetropole. An meine allererste Zugfahrt dorthin kann ich mich noch sehr gut erinnern. In der Grundschule stand ein Ausflug mit Klassenlehrer und Co. auf dem Programm. In der City habe ich Fotos von meinen Mitschülern vor Springbrunnen sowie von Tauben auf dem Opernplatz gemacht. Ein aufregender Tag.

Eine eben solche Aufregung durfte ich vor kurzem wieder erleben. Sie war zwar nicht von Euphorie geprägt, dafür von Tollpatschigkeit, und sie lässt sich mühelos in die Kategorie „Laufschuhe vergessen“ einordnen.

Es begab sich letztens erst an einem normalen Herbsttag, als ich mich zu Freizeitzwecken auf den Weg nach Hannover machte. Als Fortbewegungsmittel wählte ich das Automobil, denn ich schätzte an ihm die Flexibilität in Bezug auf Reisezeit und Zielkoordinaten. Gegen Mittag steuerte ich das Parkhaus unter dem Opernplatz an. Die zentrale Lage sowie gute Erreichbarkeit machten diese Tiefgarage zu einem idealen Aufbewahrungsort für den Pkw.

Trotz modernen Fortschritts in Sachen Geldverkehr bezahle ich Kleinbeträge immer noch gerne in bar. Dazu zählen auch die Gebühren im Parkhaus sowie Rechnungen im Café. Da mir beides an diesem Tag bevorstehen sollte, steuerte ich nach dem Abstellen meines Wagens als erstes Ziel die nächstgelegene Filiale eines großen deutschen Kreditinstituts an. Im Vorraum des Bankgebäudes suchte ich mir den sympathischsten Geldautomaten aus und absolvierte alle Schritte zum Erlangen eines gewissen Geldbetrages in bar. Anschließend klappte ich meine Geldbörse wieder zusammen und stürzte mich ins Großstadtgetümmel.

Von den Einzelheiten der nun folgenden Einkaufsaktivitäten möchte ich den Leser verschonen. Jeder wird sich denken können, zu welchem Ergebnis es kommt, wenn ein Ausflügler mit EC-Karte in der Tasche einer attraktiven Auswahl von Bekleidungs- und Elektronikfachgeschäften ausgesetzt ist. Als Tipp vielleicht nur soviel: Neue Handschuhe finden sich eher in der Bekleidungsabteilung und nicht in der Nähe der Socken. Gern geschehen.

Als liebgewonnenes Ritual hat in den vergangenen Jahren die Kaffeezeit Einzug in meinen Tagesablauf gehalten. So auch an diesem Tag. Kaffeezeit – das bedeutet: ein grob definiertes Menü aus Kaffee und Kuchen in einem grob definierten Zeitfenster zwischen 13 und 17 Uhr. An diesem Hannovertag standen die Zeichen gegen 14 Uhr auf Kaffeezeit. Ich begab mich zu diesem Zweck in eine Lokalität und amüsierte mich dort einige Zeit mit einem Kaffee sowie einem Apfelstrudel und Vanilleeis. Perfekt.

Zur Aufregung kam es beim Bezahlvorgang. Der Bedienung hatte ich angekündigt, die Rechnung bar bezahlen zu wollen. Beim Blick in mein Portmonee empfing mich dort jedoch gähnende Leere. Ich stutze. Wo war mein Bargeld? Ich bin doch am Geldautomaten gewesen. Ausgegeben hatte ich seitdem nichts. Alles weitere hatte ich mit Karte bezahlt. War ich beraubt worden? Quatsch. Hatte ich das Geld in ein anderes Fach gesteckt? Oder in die Hosentasche? Die Jackentasche? Fehlanzeige.

Ich zahlte die Rechnung notgedrungen mit EC-Karte und überlegte weiter. Ging jeden Schritt vor dem Geldautomaten durch. Kann es sein, dass ich vergessen hatte, das Geld aus dem Schacht zu nehmen? Unmöglich! Das ist mir doch noch nie passiert! Doch irgendwann ist immer das erste Mal und nach längerem Grübeln muss es wohl so gewesen sein. Ich hatte schlichtweg vergessen, das Geld mitzunehmen. Der Bankkunde nach mir wird sich gefreut haben.

Doch wie konnte das passieren? Ich verließ das Café und steuerte den nächsten Geldautomaten an. Ich benötigte schließlich noch etwas Bargeld für das Parkhaus. Diesmal achtete ich peinlich genau auf jeden Schritt. Karte einschieben. Betrag wählen. Pin eingeben. Warten. Karte entnehmen. Warten. Rattern. Warten… Es dauerte ziemlich lange, bis das Bargeld zum Vorschein kam. Länger, als ich das bei meinen heimischen Geldautomaten gewohnt war. Nun war ich mir ziemlich sicher, dass ich vorhin zwar noch meine EC-Karte in Empfang genommen hatte, mich danach aber umgedreht haben musste, um die Bank zu verlassen. Dass ich das Geld gar nicht mitgenommen hatte, schien ich nicht gemerkt zu haben. Und da ich anschließend lange nichts bar bezahlt hatte, war mir das dann erst im Café wieder aufgefallen. So ein Mist!

Ich habe dieses Erlebnis nun als unterbewusste Wohltätigkeit verbucht. Schließlich ist ja bald Weihnachten und vielleicht ist das Geld bei jemandem gelandet, der es wirklich nötig hat. Es gibt ja Beispiele, bei denen unbekannte Spender Kirchen oder Krankenhäusern immense Geldbeträge zukommen lassen, indem sie diese bar und in dicken Bündeln einfach in den Briefkasten werfen. In dieser Reihe edler Wohltäter sehe ich mich nun auch. Frohe Weihnachten.

3 Gedanken zu „Plötzlich wohltätig (5:00)

  1. Wie kann man Hannover auch nicht mögen!? Falls man nicht gerade aus Braunschweig kommt … :-)

    Bei den Geldautomaten dachte ich, dass es sich so verhält, dass das Geld, wenn man es nicht entnimmt, nach so spätestens 30 Sekunden wieder eingezogen und zurückgebucht wird …? Was natürlich nichts hilft, wenn innerhalb dieser Zeitspanne der nächste Kunde an das Gerät geht. ;-)

    Ach, wie auch immer: Ein Hoch auf Deine Wohltätigkeit – es hat bestimmt jemanden getroffen, der es ganz besonders gut gebrauchen kann!

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      1. Da nich für. :-) Alternativ könnte man bei der Bank auch mal nachfragen, ob die in ihre Videoaufzeichnungen reinschauen könnten bzw. ggf. nachsehen könnten, wer als nächster Kunde den Automaten genutzt hat, wenn das Geld nicht wieder eingezogen wurde.

        Ob sich dieser Aufwand lohnt, wenn man nicht gerade Reichtümer abgehoben hat, muss aber jeder für sich selbst entscheiden. :-)

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