Ist Sitzen wirklich das neue Rauchen? (5:00)

„Sitzen ist das neue Rauchen“ – Diese These ist mir in letzter Zeit recht häufig begegnet. Der Satz ist einst von Forschung und Presse verbreitet und vor einigen Jahren als Buchtitel verwendet worden. Dazu kommen diverse TV-Sendungen, die sich mit dem Thema „Sitzen“, „Richtig sitzen“ und „Falsch sitzen“ befassen. Zuletzt hat nun auch Seppo in seinem Nebenjob als Tacko!Seppo das Thema kurz angerissen, mit der ihm eigenen Schelmigkeit natürlich, weswegen nun auch ich in diese Kerbe schlagen möchte und diesen Claim nach mehreren konspirativen Toilettensitzungen (mit mir selbst, nicht mit Seppo) einfach analysieren MUSS. (Auf dem Örtchen kommen einem eben die besten Ideen – Diese These von mir sei hier noch angefügt. Es ist mir bewusst, dass ich ausgerechnet beim Sitzen auf das Thema Sitzen gekommen bin.)

„Sitzen ist das neue Rauchen“ soll heißen: Sitzen ist für den Körper genauso schädlich wie Rauchen. Zu viel und zu langes Sitzen bei der Arbeit im Büro, am Computer oder auf dem Sofa kann im schlimmsten Fall körperliche Schäden, Stoffwechselerkrankungen, Diabetes und sogar Krebs verursachen – genauso wie das Rauchen. Das ist natürlich sehr plakativ, fast schon populistisch und vielleicht sogar Fake News, soll dem Menschen aber verdeutlichen: Beweg‘ deinen Arsch, damit du gesund bleibst!

Natürlich ist Sitzen nicht das neue Rauchen. Das elektrische Rauchen ist das neue Rauchen. Und das wird von den Usern auch nicht mehr Rauchen, sondern „Dampfen“ genannt. Rauchen bleibt also Rauchen. Und Sitzen bleibt Sitzen. Sitzen war immer schon Sitzen.

Wenn ich an der Bushaltestelle stehe und neben mir sitzt einer, stört mich das gar nicht. Anders bei einem, der neben mir raucht. Im Bus schließlich ist das Sitzen auch kein Problem. Wird sogar empfohlen. Rauchen im Bus geht dagegen gar nicht. Im Flugzeug auch nicht.

Wäre Sitzen wirklich das neue Rauchen, müsste die Gesellschaft in Sitzer und Nichtsitzer unterteilt werden. In Kneipen und öffentlichen Gebäuden müssten die Menschen zum Sitzen nach draußen gehen. Auf dem Schulhof würde es heimliche Sitzecken geben. Und die Währung im Knast wären nicht Zigaretten, sondern Stühle. Außerdem wäre Sitzen erst ab 18 erlaubt.

Vom Hocker bis zur Sofalandschaft müssten alle Sitzmöbel Gesundheitshinweise aufgedruckt bekommen. „Sitzen tötet“ stünde dann auf dem Küchenstuhl. „Sitzen macht abhängig! Fangen Sie gar nicht erst damit an!“ auf dem Fernsehsessel. „Sitzen in der Schwangerschaft könnte ihrem Kind schaden“ würde an Parkbänken zu lesen sein.

Sitzenbleiben in der Schule wäre womöglich gar nicht mehr so schlimm.

Die Kollegen im Büro würden sich alle zwei Stunden zur Sitzpause im Innenhof treffen.

Nach dem Sex würden sich viele auf dem „Klappstuhl danach“ niederlassen.

In Duty-Free-Shops wären vergünstigte Großpackungen mit stapelbaren Hockern der Renner.

Und als Mitbringsel aus dem Urlaub dienten handgerollte Holzstühle aus Schweden.

Hannibal aus dem A-Team würde sich am Ende jeder Folge erstmal in seinen Schaukelstuhl fallen lassen, bevor er sein „Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert“ loslässt.

In den Nachrichten würden Polizeiaktionen Schlagzeilen machen, bei denen der Zoll geschmuggelte Stühle auf Containerfrachtern sichergestellt hat. Bei der Pressekonferenz würde die Hehlerware medienwirksam präsentiert und bewaffnete, maskierte Zollbeamte stünden vor einer Europalette, auf der die gefälschten Artikel mit dem Aufdruck „Belgisches Bettenlager“ oder „YOUKEA“ zu erkennen sind.

Als Maßnahmen gegen die Sucht würden sich die Betroffenen Sitzkissenpflaster auf den Arm kleben und einmal die Woche zur Sitzentwöhnungshypnose gehen. Die findet natürlich im Stehen statt.

Ich weiß natürlich, dass der Erfinder von „Sitzen ist das neue Rauchen“ nicht wirklich im Sinn hatte, Sitzen mit Rauchen gleichzusetzen. Die Folgen von stundenlangem Sitzen können sicherlich einfacher behoben werden als die Auswirkungen von stundenlangem Rauchen. Wer viel sitzt, ist nicht süchtig. Sondern faul. Kriegt der dann irgendwann mal seinen Körper regelmäßig in Bewegung und bleibt auch dabei, sind die vorherige Untätigkeit vergleichsweise schnell wieder vergessen. Wird ein Raucher hingegen zum Nichtraucher, dauert es länger, mitunter Jahre, bis die Folgen für Herz, Kreislauf und Lunge mit viel frischer Luft wieder aus dem Körper herausgeatmet sind. Mit dem Rauchen aufhören und gleichzeitig mehr bewegen – Das ist wahrscheinlich die beste Kombination. Hat bei mir vor sieben Jahren auch ziemlich gut funktioniert.

Ich rauche nicht mehr, laufe sehr gerne, sitze aber auch gerne. Und ich beschäftige mich sehr gerne – der eine oder andere Leser wird es sicherlich schon vermutet haben – mit Wörtern. Deswegen kann ich einen Satz wie „Sitzen ist das neue Rauchen“ nicht einfach so hinnehmen. Denken ist schließlich das neue Wissen.

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