Ausgenutzt und abgelichtet: Rentner Otto und der Nebenjob (6:00)

„Guck mal Vaddi, wäre das nicht ein Job für dich?“, fragte Ingo M. Petent seinen Vater, während er ihm mit der Zeitung vor der Nase herumwedelte.

Vater Otto hatte sich gerade einem Stück Schwarzwälder Kirschtorte zugewandt und blickte auf.

„Zeig mal her!“, sagte er und schnappte sich das Blatt.

In einem kleinen, unscheinbaren Kästchen auf Seite 43 stand geschrieben:

„Wir suchen Sie! Golden Ager, die sich gerne als Hobbymodel etwas zur Rente dazu verdienen möchten. Es warten gut bezahlte Aufträge für Kampagnen in auflagenstarken Medien auf Sie. Bewerben Sie sich noch heute!“

„Was sind den Golden Ager?“, fragte Papa Otto. „Sind das nicht Hunde?“

„Was Du meinst sind Golden Retriever, Vaddi. Golden Ager sind Rentner in ihren besten Jahren. Ü 70, noch voll im Saft, markante Persönlichkeit. Senioren, die die Ernte ihres Lebens eingefahren haben und ihre goldenen Jahre in vollen Zügen genießen. So wie Du!“

„Ach ich weiß nicht…“

„Doch mach das mal. Dann kommst du mal raus. Und ein bisschen Geld kommt dabei vielleicht auch noch rum!“

So kam es, dass sich Otto M. Petent bei der Modelagentur „Golden Summer“ bewarb, einer Best-Ager-Agentur, die sich auf Fotomodelle der Altersklasse Ü 60 spezialisiert hatte.

Ein paar Tage später wurde er tatsächlich zum Vorstellungsgespräch eingeladen und hatte kurz darauf sein erstes Fotoshooting. Am Set, einem nachgebauten Wohnzimmer in einem Studio, musste Otto zunächst in die Maske. Wenig später trat er gepudert, frisiert und mit einem blauweiß karierten Hemd am Körper ins Scheinwerferlicht und wartete auf die Anweisungen des Fotografen.

„Setzen Sie sich bitte mal an den Tisch und schauen Sie ernst in die Kamera“, bat der Fotograf, ein schlaksiger Mittdreißiger mit Fünf-Tage-Bart und runder Hipsterbrille.

„Wofür sind denn die Fotos eigentlich?“, fragte Otto. „Bisher hat mir das noch niemand…“

„Das ist für so eine Gesundheitskampagne. Ernst gucken bitte!“

Die Antwort reichte Otto nicht. Er runzelte die Stirn und über seine Augen legte sich ein Schatten.

„Sehr schön! So bleiben!“

Die Kamera klickte ein paar Mal wie ein leeres Maschinengewehr.

„Aber ich war noch gar nicht… Das sollte noch gar nicht…“, stammelte Otto.

„Alles super! Jetzt nochmal bitte die Hand an den Kopf. Dann kann man das zum Beispiel für Aspirin-Werbung nehmen!“

Aspirin-Werbung? Das wäre schon toll, dachte Otto und fasste sich mit der rechten Hand an die Stirn.

„Fantastisch! Sie sind ja ein wahres Naturtalent, Benno!“

„Eigentlich heiße ich O…“

„Ach wirklich? So, jetzt brauche ich noch ein paar Aufnahmen im Stehen und dann wären wir auch schon durch für heute!“

Eine halbe Stunde lang ließ sich Otto vom Fotografen noch in mehrere Positionen verbiegen, dann war sein erster Tag als Profimodel vorbei. Profi? Ja wirklich. Bargeld gab es zwar nicht, aber den 20-Euro-Gutschein von Doc Morris konnte er auch gut gebrauchen. Jetzt war sich Otto sicher, dass er bald in einer Medikamentenwerbung auftauchen würde. Aspirin!, schwärmte er innerlich. Oder Doppelherz? Voltaren? Das wäre doch auch was! Gut gelaunt ging Otto nach Hause.

Ein paar Wochen später, an einem Samstagvormittag, klingelte das Telefon bei Otto zu Hause. Er hatte kaum den Hörer abgenommen, da schnatterte eine Stimme auch schon los. Renate war dran. Ottos Schwester.

„Mensch Otto, du machst ja Sachen! Ich habe das eben erst gelesen und musste mich sofort melden! Das wusste ich ja gar nicht! Von deinen Problemen hättest du mir ja ruhig erzählen können. Ich habe immer ein offenes Ohr für dich, weißte doch! Aber hast du denn jetzt ne Neue? In deinem Alter? Pass bloß auf mit diesem Teufelszeug! Das kann ganz schnell nach hinten losgehen!“

„Renate? Was ist denn los? Ich verstehe gar nicht…“

In diesem Moment klingelte es an der Tür.

„Renate, ich muss Schluss machen, die Tür…“

„Mensch Kerl, pass bloß auf dich auf. Dass du damit an die Öffentlichkeit…!“

Otto legte auf und eilte zur Haustür. Draußen stand der Briefträger mit einem Stapel Post in der Hand. Die beiden kannten sich schon seit Jahren.

„Tach Otto! Mensch, ich wusste ja gar nicht, dass es so schlecht um dich steht. Mein Beileid.“

„Bitte? Was ist denn heute bloß los mit euch allen?“

„Schon ok, Otto. Kein großes Drama. Aber auf diesem Wege… Ich dachte wir wären Freunde. Wir können doch über alles reden.“

Mit diesen Worten drückte er Otto die Post in die Hand und verschwand mit einem kurzen Nicken.

Verwirrt blickte Otto dem Postbeamten hinterher. Dann drehte er sich um und ging langsam die Post durch, während er zurück in den Hausflur trat.

Nachdem er mit dem Fuß die Haustür hinter sich zugeschubst hatte, erstarrte er. Sein Fuß schwebte noch in der Luft, während er entgeistert auf die Post blickte. Oben auf dem Stapel lag eine von diesen kostenlosen Fernsehzeitungen. Vorne drauf prangte ein Bild von Otto. Das ernste mit den Fingern an der Stirn. Daneben stand der Satz „So können Sie Erektionsstörungen bekämpfen“. Riesengroße Buchstaben, wie die Schlagzeile in der Bildzeitung.

Der neue Stefan und der Nebenjob für Rentner

Otto war entsetzt. Deswegen die aufgeregte Renate. Und der merkwürdige Postbote. Die hatten das offenbar für bare Münze genommen.

Was sollte er jetzt tun? Ihm fiel ein, dass er nach dem Shooting einen Wisch mit „alle Bildrechte abtreten“ unterschrieben hatte. Da war wohl nichts zu machen.

Erektionsstörungen? Otto musste lächeln. Es hätte ihn auch schlimmer treffen können. Irgendwas mit Durchfall oder Hämorriden zum Beispiel. Obwohl… Am Ende des Shootings sollte er für eine Einstellung in die Hocke gehen und angestrengt gucken. „So wie ein Skifahrer“, hatte der Fotograf gesagt. So langsam glaubte Otto, dass er auf seine alten Tage ganz gehörig verarscht worden war.

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5 Gedanken zu “Ausgenutzt und abgelichtet: Rentner Otto und der Nebenjob (6:00)

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